Schule und die Veränderungen in den letzten Jahren

Hallo liebe User,

das Thema Schule und die Veränderungen die in den letzten Jahren an und in den Schulen stattfanden sind immer wieder aktuell und bieten Stoff zu Diskussionen. Wir haben mal an einer Stelle die diese Veränderungen seit Jahren “vor Ort” miterlebt nachgefragt:

Liebe Scharlotte, zuerst einmal möchten wir uns ganz herzlich bei dir bedanken das du uns für dieses Interview zur Verfügung stehst! Du bist seit über 23 Jahren als Grundschullehrerin tätig. Somit hast du die Veränderungen die in den letzten Jahren an den Schulen stattfanden direkt miterlebt.


Pe.de: In den vergangenen 20 Jahren hat sich viel in den Grundschulen verändert. Keiner bekommt das so Hautnah mit wie du als Lehrerin. Was hat sich, aus deiner Sicht, in diesen Jahren an Veränderungen ergeben?

Scharlotte: Die gesamte gesellschaftliche Situation hat sich verändert, die Auswirkungen sind in allen schulischen Bereichen unmittelbar zu spüren.

Verschiedene Schulformen wurden gegründet, eine Trennung von staatlichen Schulen und Schulen in privater Trägerschaft erfolgte.

Eltern müssen flexibler auf den Arbeitsmarkt reagieren, sich stärker weiterbilden, an Umschulungen teilnehmen oder sind gezwungen den Wohnort zu wechseln. Das schafft oft Druck und Belastungen in der Familie, was sich auf die Kinder auswirkt.

Das Leistungsniveau der Schulanfänger klafft immer weiter auseinander. Auf der einen Seite gibt es Sechsjährige, die perfekt lesen können und über ein umfangreiches Allgemeinwissen verfügen. Auf der anderen Seite gibt es Kinder, die zum Schulanfang in Zweiwortsätzen sprechen und kaum über soziale Kompetenzen verfügen, weil sie bisher wenig Kontakt zu Gleichaltrigen hatten.

Schüler mit unterschiedlichsten Lebenserfahrungen ( Bürgerkriegsflüchtlinge, Aussiedler, Asylbewerber) und wenig Deutschkenntnissen sitzen in einer Klasse.

Es ist kein Geheimnis, dass viele Lehrer im letzten Drittel ihres Berufslebens stehen.

Durch häufige Umstrukturierungen der Unterrichtsorganisation und eine zunehmende Bandbreite an Schülerproblemen werden sie vor immense Herausforderungen gestellt. Aber auch jüngere Lehrer sind darauf in ihrer Ausbildung nicht oder nur ungenügend vorbereitet worden.

In den letzten zwanzig Jahren ist in der Schule - wie in anderen Lebensbereichen auch - vieles bunter, schneller, hektischer, komplizierter und auch extremer geworden.


Pe.de: Wie siehst du die Entwicklung und das Verhalten der Schüler? Was fällt dir insbesondere auf?

Scharlotte: In den letzten Monaten war ich in verschiedenen KITAs , um die zukünftigen Schulanfänger zu testen. Die Kindergärten leisten gute Arbeit hinsichtlich der Schulvorbereitung.

Schwieriger ist es bei den sogenannten Hauskindern. Es gibt immer wieder Kinder mit sprachlichen Entwicklungverzögerungen, fehlenden Umweltkenntnissen usw. und den Eltern ist es gar nicht bewusst, dass ihr Kind Defizite hat.

Fast alle Schulanfänger verfügen über ein gutes Selbstbewusstsein, da setzt sich der Trend in unseren Beobachtungen der letzten Jahre fort.

Bei den Grundschülern ist die mangelnde Konzentrationsfähigkeit ein Hauptproblem. Daraus ergibt sich auch eine gewisse Oberflächlichkeit beim Erledigen der Aufgaben und wenig Bereitschaft zur Selbstkontrolle.

Sportlehrer bemängeln schon seit längerem die größer werdende Bewegungsarmut von Kindern. Früher wurden am Klettergerüst auf dem Spielplatz intensiv Rollen gedreht, die Kinder konnten mit Springseilen geschickt umgehen und rückwärts balancieren.

Der Fernseher hat am Nachmittag eine große Bedeutung für viele Schüler, sie verfügen über umfangreiche Programmkenntnisse. Gleichzeitig haben Schüler mehr Schwierigkeiten, ihre Fantasie und eigene Ideen zu entwickeln, z.B. sich neue Spiele auszudenken oder im Deutschunterricht kleine Geschichten zu schreiben.

Der Leistungsdruck ist für Grundschüler z.B. durch Vergleichsarbeiten oder Aufnahmetests an weiterführende Schulen gestiegen und wird durch manche Elternhäuser noch verstärkt.

Leider nimmt die Anzahl der Kinder im Grundschulalter, die in psychologischer Beratung/Therapie sind, weiter zu.


Pe. de: Die von dir beschriebenen Auffälligkeiten, (mangelnde Konzentrationsfähigkeit, Bewegungsarmut, Oberflächlichkeit) worauf führst du die zurück?

Scharlotte: Auf die gesamtgesellschaftliche Entwicklung. Schuld an der mangelnden Konzentrationsfähigkeit und der Oberflächlichkeit ist das rasante Lebenstempo und oftmals auch die Reizüberflutung, denen man als Normalbürger nur mit Mühe entgehen kann. Da geben Andere den Takt an. Arbeitsverhältnis, Behördengänge, Fernsehen und Computerwelt gehören zum Beispiel dazu. Das betrifft hauptsächlich die Erwachsenenwelt, hat aber durchaus auch Auswirkungen auf die Kinder, die ja von Erwachsenen erzogen werden bzw. denen die Erwachsenen als Beispiel dienen.

Viele meiner Schüler spielen nachmittags nicht mehr regelmäßig miteinander, es wird sich nicht verabredet. Es gibt diese Gruppen von Nachbarskindern kaum noch. Draußen spielen die "Straßenkinder", um die sich eh niemand von den Eltern kümmert.

Es ist kein Geheimnis, dass der Fernsehkonsum enorm gestiegen ist. Der Nachmittag wird vor der Flimmerkiste oder Spielkonsole verbracht.

Süßigkeiten werden von etlichen Kindern nicht mehr als etwas Besonderes wahrgenommen, sondern gehören zum Alltag dazu. Salzig, fettig, süß - die Geschmacksnerven "merken" sich diese Eigenschaften und stellen sich darauf ein. Die Folge ist, dass "normales", selbstgekochtes Essen fad schmeckt und eher abgelehnt wird.

Schaue ich z.B. regelmäßig nachmittags über Stunden fern und nasche kräftig nebenbei, kann ich mich nicht draußen bewegen, keine körperliche Geschicklichkeit beim Springen, Rennen usw. erlangen und außerdem steigt auch noch die Kalorienzufuhr, die der Körper speichert. Die Anzahl der übergewichtigen Kinder in den USA nimmt weiterhin zu, in GB ist es ebenso und wir sind in D auf dem gleichen Weg. Fastfood ist schnell, relativ billig und die Kleinen freuen sich.

Wenn ich dick bin, also mehr Körpermasse zu bewegen , aber wenig Umgang mit Sportspielgeräten in der Freizeit habe, können auch die Misserfolge und Hemmungen im Sportunterricht steigen und dieser ganze Teufelskreislauf beginnt.

Ich glaube, dass in unserer Gesellschaft das richtige Maß für viele Dinge einfach abhanden gekommen ist. Und das sieht man an unseren Schülern, die Schule ist ein Spiegel der Gesellschaft.


Pe.de: Möchtest du damit sagen dass die Kinder nicht mehr Kinder sind/ sein können? Siehst du dies als Bundesweites oder Regionales Problem?

Scharlotte: Also dass Kinder heutzutage nicht mehr Kinder sind/sein können würde ich nicht so verallgemeinern. Aber Kinder erleben ihre Kindheit nicht mehr so unbeschwert wie vor zwanzig, dreißig Jahren. Die Probleme der Erwachsenenwelt drücken auf die Kinderwelt. Dieses kindliche Lebensgefühl, das z.B. Astrid Lindgren in " Die Kinder von Bullerbü" beschreibt, das gibt es nur noch selten.

Allerdings gibt es eine Gruppe von Kindern ( wenn man mal von der steigenden Anzahl von vernachlässigten Kindern in Problemfamilien absieht), die wirklich Schwierigkeiten haben Kindheit zu erleben. Das sind die Kinder die auf Leistung gedrillt werden bzw. die jeden Nachmittag zum Flöten-, Ballett- , Tennisunterricht gehen und denen dadurch die Zeit zum Spielen genommen wird.

Ich denke schon, dass das ein bundesweites Problem mit regionalen Unterschieden ist.Und mit Region meine ich keine Landstriche, sondern eine relativ kleine Einheit, nämlich die staatlichen Schulen mit ihren dazugehörigen Einzugsgebieten. Ich arbeite an verschiedenen Schulen und die Unterschiede sind in unserem Ort erstaunlich. Da gibt es die wohlhabende Südstadt mit den schicken Eigenheimsiedlungen( von den Einheimischen" Hypothekenviertel" genannt) und den armen Norden mit den Plattenbauten. Natürlich wird den Kindern aus der Südstadt im Durchschnitt mehr geboten an Reisen, Kultur, Freizeitmöglichkeiten, aber ich würde nicht pauschal sagen, dass sie glücklicher sind als die Plattenbaukinder. Es kommt auf die Eltern und deren Werteerziehung an.

Irgendwann habe ich mal überlegt, wie ich den Begriff "Luxus" für Kinder definieren würde. Mir sind vier Sachen eingefallen: Zeit, Platz, Natur, Wissen. Und diese vier Sachen könnte z.B. auch ein Arbeitsloser seinem Kind bieten.

Viele Eltern empfinden die Schulzeit ihrer Kinder als Belastung, ich übrigens auch. Aber am Schulanfang des ersten Kindes freuen sich fast alle auf die Zeit, weil sie von ihrer eigenen Schulzeit ausgehen. Was sich in dem zeitlichen Zwischenraum von ca. zwanzig Jahren verändert hat konnten sie ja in der Regel nicht weiterverfolgen, wenn sie keinen engen Kontakt zu Schulkindern hatten. Die Ernüchterung folgt dann oft schnell. Schwer zu durchschauende Unterrichtsmethoden, Stress durch Schultermine usw. Schön ist das nicht mehr, das sehen auch die Eltern so.


Pe.de: Wie würdest du den Umgang zwischen Schule und Elternhaus beschreiben?

Scharlotte: Viele Lehrer sehen auch in der Masse der Eltern einen immer größer werdenden Unterschied. Die Eltern, die nichts interessiert, die nie irgendwo erscheinen zur Elternversammlung oder zu Festen, die hat es immer gegeben und die wird es auch weiter geben.

Im Gegensatz dazu gibt es eine Elterngruppe, die immer größer wird. Das sind die Eltern, die ihre Kinder auf Leistung trimmen, die stets und ständig mehr erwarten als das Kind mit seinen geistigen Fähigkeiten leisten kann. Da ist dann relativ schnell der Lehrer im Focus der argwöhnischen Eltern. Auch ein sehr guter, erfahrener Lehrer kann keinen Einserkandidaten erschaffen. Die Teilleistungschwächen nehmen zu, ebenfalls die Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen. Für manche Eltern ist das ein großes Problem, wenn die gymnasiale Laufbahn angepeilt werden soll. Da brechen dann Welten zusammen.

Vor einigen Jahren fand ich die T-shirts "ABI 2019" bei Grundschülern ja noch irgendwie witzig, aber mittlerweile kann ich nicht mehr darüber lachen. Schon Kindergartenkinder laufen damit herum.Was für eine Bürde für manche Kinder!

Die "normalen" Eltern werden, genau wie die "normalen" Schüler, immer weniger. Lehrer sind froh, wenn sie auf Eltern treffen die ihre Erziehungsaufgabe ernst nehmen und nicht nur ihr eigenes Kind sehen, wenn sie z.B. Elternvertreter sind.

Der Grundstein der Wertevermittlung und der Verhaltensnormen wird im häuslichen Umfeld gelegt und nicht in der Schule. Die Erwartungshaltung, was Schule leisten kann und soll ist bei immer mehr Eltern zu groß. Daraus kann viel Stress und großer Streit entstehen, der hauptsächlich einem schadet: dem Kind.


Pe.de: Sprichst du mit Eltern über die zu große Erwartungshaltung, z. B. an Elternabenden? Wenn ja, wie reagieren die Eltern darauf?

Scharlotte: Elternabende sind prima für alles, was die Klasse im Ganzen betrifft. Termine, Gruppenverhalten, Unterrichtsinhalte usw.

Ich würde nicht an Elternabenden vor der gesamten Elternschaft über zu hohe Erwartungshaltung sprechen. Meine Erfahrung ist, dass solche allgemeinen Aussagen oft an den falschen Adressaten gelangen. Eltern die es betrifft, hören geflissentlich darüber hinweg, andere beginnen sich einen Kopf zu machen obwohl alles in Ordnung ist. Und dann gibt es ja auch noch die Eltern, die nur auf einen Anstoß warten um in Kampfstellung zu gehen und andere Eltern mitzureißen,die also nicht angemessen und überzogen reagieren.

Das persönliche Gespräch mit den Eltern, unter vier Augen, finde ich sehr wichtig. Grundlage dafür ist ein Mindestmaß an Vertrauen, das zuerst mal da sein muss. Ist es das nicht von allein und wirken die Eltern verschlossen/abweisend/wütend etc., ist der Lehrer am Zuge. Von seinem Geschick hängt es ab ob die Eltern hinterher sagen:" Na, das hätten wir uns schenken können mit der Elternsprechstunde!", oder nicht.

Als Mutter habe ich da selbst etliche Negativerfahrungen gemacht mit einigen (!) Lehrern meiner Söhne.

Zurück zur Erwartungshaltung:

Ich sehe da zwei "Hauptgruppen" von Eltern, die ich grob vereinfache.

- Die uninteressierten Eltern:

Sie haben deshalb eine überhöhte Erwartungshaltung, weil sie alles an die Schule "abdelegieren". Das Kind kann immernoch kein 1x1? Oh, was für ein schlechter Mathelehrer! usw.

- Die überengagierten Eltern:

Alles im Schulbetrieb wird bis ins Kleinste überwacht, kommentiert und ausgewertet, STÄNDIG kommen neue Vorschläge, Anfragen,Beschwerden usw.

Beide "Elternsorten" sollten im persönlichen Gespräch Gelegenheit bekommen, sich nochmal über Möglichkeiten und Grenzen von dem was Schule leisten kann und soll zu informieren.


Pe.de: Wie sollte deiner Meinung nach Schule sein? Was müsste sich ändern?

Scharlotte: Zuerst einmal sollte an der Schule nicht mehr so stark herumgebastelt werden. Jede neu gewählte Regierung überlegt sich andere Konzepte und ändert das Schulsystem.

Ein wichtiger Punkt ist auch die materielle Ausstattung, also Gelder die bereitstehen müssen. Damit kann man mehr Lehrer ausbilden und dann auch tatsächlich in den Schuldienst übernehmen, so dass die Klassen kleiner werden.

Der Lehrplan sollte durchforstet werden nach wesentlichem und weniger wichtigen Lehrinhalten, immer gemessen an den Defiziten unserer Schüler. Einerseits sollen wir die Schüler da abholen wo sie stehen, andererseits gibt es zunehmend mehr Lücken in der geistigen und sozialen Entwicklung nicht nur bei jüngeren Schulkindern.

Es gibt einen riesigen, für Eltern meist unsichtbaren, Bürokratismus, also Papierkram der unpraktisch ist.Er kostet Zeit und Nerven, muss aber vom Lehrer erledigt werden .

Eine Simplifizierung wäre dringend angebracht.

Der "Eventcharakter" der Schule müsste heruntergeschraubt werden. Damit ist gemeint, dass das Schuljahr durchsetzt ist mit Festen, Feiern usw.Viele Lehrer und auch Eltern glauben ...je mehr Höhepunkte, destso besser die Schule....

Schule ist in erster Linie zum Lernen da. Sicher kann man jetzt entgegensetzen, dass die Schüler auch z.B. durch eine Theateraufführung viel für sich selbst mitnehmen und lernen, aber dieser durchaus positive Aspekt ist überdreht worden durch die Menge an Vorhaben. Ich sage als Stichwort nur Adventszeit, die an Stress und Lautstärke jedes Jahr zunimmt.

Kinder lernen am besten in einer ruhigen und ausgeglichenen Athmosphäre. Wenige Höhepunkte wären da auch für die Werteerziehung besser.

In unseren Schülern spiegelt sich unsere Gesellschaft wider und die ist ziemlich krank. Armut, Wohlstandsverwahrlosung, Sucht, Arbeitslosig- und allgemeine Perspektivlosigkeit usw. sind für immer mehr Kinder Alltag, den sie an sich selbst oder an ihren Eltern erleben. Wir brauchen mehr Sozialarbeiter oder andere ausgebildete Ansprechpartner für Schüler mit Problemen. Das kostet natürlich auch wieder Geld und damit beißt sich die Katze in den Schwanz.