Geistige Behinderung

  • Geistige Behinderung

    Zusammenfassung:


    Für eine geistige Behinderungen gibt es einen Vielzahl von möglichen Ursachen, die meist eine Kombination von organischen Funktionsstörungen mit Einflüssen aus dem Lebensumfeld (Anregungsmangel etc.) darstellen. Bei leichten Ausprägungen handelt es sich oft nur um eine Entwicklungsverzögerung, die wieder ausgeglichen werden kann. Schwerere Behinderungen entstehen durch Krankheiten, die das Gehirn und seine Entwicklung schädigen. Zur Beurteilung und Erfassung des Schweregrads der Behinderungen werden Intelligenz- und Persönlichkeitstests eingesetzt. Auch dann, wenn eine Heilung der organischen Schäden des Gehirns nicht möglich ist, lässt sich durch gezielte Förderung die geistige Entwicklung der Kinder unterstützen und ihre kognitive Leistungsfähigkeit verbessern. Das Leben mit einem behinderten Kind fordert von den Eltern sehr viel und stellt sie oft vor unlösbar erscheinende Aufgaben. Die dringend notwendige Unterstützung finden sie bei Selbsthilfegruppen, Sozial- und Jugendämtern, in Förderzentren und Ambulatorien, in Schulen und pädagogischen Beratungszentren, die wichtige Informationen über Fördermöglichkeiten, Pflege und finanzielle Unterstützung bereithalten.



    Die Vielzahl der Definitionen, die versuchen den Begriff "geistige Behinderung" zu beschreiben und einzugrenzen, verdeutlichen die mit diesem Begriff verbundenen Schwierigkeiten. Die Schwierigkeiten entstehen, da sich Behinderung nur im Vergleich zur Normalität beschreiben lässt. Aber was bedeutet Normalität, wo liegen die Grenzen zur Behinderung? Und wer ist überhaupt in der Lage, diese Grenzen zu beurteilen? Für eine medizinische Diagnose und Behandlung sind allerdings solche Definitionen notwendig, wobei es zu beachten gilt, dass die Übergänge zur geistigen Behinderung fließend sind und die Intelligenzprüfung, auf der die Einteilung der geistigen Behinderung basiert, auch durch andere Faktoren, die nichts mit den geistigen Fähigkeiten zu tun haben, wie zum Beispiel die Konzentrationsfähigkeit der Kinder, beeinflusst wird.



    Die derzeit gebräuchlichste Definition ist die der Weltgesundheitsorganisation WHO. Darin wird Minderbegabung als "unvollständige oder unzureichende Entwicklung der geistigen Fähigkeiten" definiert. Aus der Sicht der Sonderpädagogen ist eine geistige Behinderung gekennzeichnet durch umfassend erschwerte Lebensvollzüge beziehungsweise durch die Ausschlussprozesse, die als Reaktion der Umwelt auf diese erschwerten Lebensvollzüge regelmäßig auftreten. Zusammenfassend versteht man unter Minderbegabung einen Rückstand der intellektuellen Leistungen im Vergleich zum Altersdurchschnitt, wodurch die Entwicklung der gesamten Persönlichkeit beeinflusst und die schulische und berufliche Eingliederung und die sozialen Anpassung erschwert werden. Dabei ist ganz entscheidend zu wissen, dass nur der momentane Zustand beurteilt wird. Je nachdem, welche Ursache der geistigen Behinderung zugrunde liegt, kann das Kind durch gezielte Förderung den Entwicklungsrückstand ausgleichen.


    Genaue Zahlen über die Häufigkeit geistiger Behinderungen fehlen. Man nimmt an, dass im schulpflichtigen Alter ungefähr drei Prozent aller Kinder eine Lernbehinderung haben und etwa 0,3 Prozent eine mäßige geistige Behinderung oder eine schwere geistige Behinderung.



    Ursachen


    Die Diagnose geistige Behinderung ist rein beschreibend, die Ursachen dafür sind zahlreich. Oftmals kann der Grund für die geistige Behinderung nicht herausgefunden werden. So finden sich nur bei etwa der Hälfte der Kinder mit einer Lernbehinderung Hinweise auf die Ursache, bei Kindern mit einer mittelschweren oder schweren geistigen Behinderung bei etwa 80 Prozent der Fälle. Das hängt damit zusammen, dass Krankheiten, die eine Schädigung des Gehirns nach sich ziehen, meist eine höhergradige Behinderung verursachen. Die leichten Behinderungen haben häufig keine Krankheit zur Ursache sondern werden durch familiäre (erbliche) oder umweltbedingte Faktoren ausgelöst.



    Mögliche Ursachen geistiger Behinderung sind:



    * Genetische Ursachen: dazu gehören Schäden der Chromosomen wie zum Beispiel beim Down-Syndrom, angeborene Störungen des Stoffwechsels und viele andere teils sehr seltene Erkrankungen, die zu einer fehlerhaften Gehirnentwicklung führen.



    * Vorgeburtliche Schädigung durch Infektionen, Alkohol oder Schwangerschaftskomplikationen



    * während der Geburt entstandene Hirnschädigung zum Beispiel durch Sauerstoffmangel oder Blutzuckerabfall



    * Gehirnentzündung, Hirnblutung, schweres Schädel-Hirn-Trauma, Hirntumoren



    * Familiär und umweltbedingte Faktoren wie niedriger Bildungsstand oder geringe Intelligenz der Eltern, Vernachlässigung, Einsamkeit und Verwahrlosung können durch zu geringe Förderung die geistige Entwicklung der Kinder behindern.



    * Störungen der Sinnesorgane wie Taubheit können, sofern sie nicht rechtzeitig erkannt werden, die geistige Entwicklung ebenfalls gefährden.



    Gelegentlich führen auch mehrere Ursachen gemeinsam zur geistigen Behinderung. Wenn Kinder eine geistige Behinderung haben, ist es sehr wichtig, sie gezielt zu fördern und ihr Umfeld so "normal" wie möglich zu gestalten, damit ihre intellektuelle Entwicklung nicht noch zusätzlich durch umgebungsbedingte Faktoren gestört wird. Manche Experten und Selbsthilfegruppen betonen in erster Linie die Rolle der gesellschaftlichen Umwelt für das Erscheinungsbild der geistigen Behinderung und viele Veränderungen der letzten Jahre scheinen ihnen Recht zu geben.



    Früherkennung


    Eltern, die sich Sorgen machen, ob sie ein gesundes Kind zur Welt bringen, können eine humangenetische Beratung in Anspruch nehmen, bei der allerdings nur erbliche Ursachen einer geistigen Behinderung erkannt werden können. Bei der Neugeborenenuntersuchung werden bestimmte Tests gemacht, die die Diagnose einiger Krankheiten (Stoffwechselstörungen) ermöglicht, die zu geistiger Behinderung führen können.


    Im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen der Kinder und auch bei sonstigen Untersuchungen prüft der Arzt immer wieder, ob die körperliche und geistige Entwicklung des Kindes erheblich von der anderer Kinder gleichen Alters abweicht. Dabei müssen Ärzte und Eltern den Weg zwischen zwei Extremen finden. Einerseits ist es wichtig, Entwicklungsstörungen möglichst früh festzustellen, weil eine frühe Förderung für ein behindertes Kind so wichtig ist. Andererseits gibt es Kinder, deren Entwicklung nicht krankhaft, sondern einfach nur nervenaufreibend langsam verläuft, ohne dass deshalb eine geistige Behinderung vorliegen muss.



    Beschwerden


    Der Grad der Ausprägung der geistigen Behinderung hat eine große Bandbreite.


    Die leichteste Ausprägung wird als Lernbehinderung bezeichnet


    Lernbehinderungen werden manchmal bereits im Kindergarten, meist aber erst in der Schule deutlich. Gegenüber dem Altersdurchschnitt sind bei den betroffenen Kindern die Fähigkeit zum Lernen und zum abstrakten und kausalen Denken eingeschränkt. Oft ist dies mit einer Einschränkung der sprachlichen Entwicklung verknüpft. Ungewohnte Situationen bewältigen sie oft schlechter.


    Höhergradige Beeinträchtigungen der geistigen Entwicklung führen zu größeren Schwierigkeiten in der Kommunikation und in der Anpassung an die soziale Umwelt und erfordern ein höheres Maß an Hilfe für die Betroffenen.


    Das Erlernen der üblichen Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen ist dann oft nicht möglich.



    Diagnose


    Die Diagnose einer geistigen Behinderung wird meist in Zusammenarbeit von Ärzten, Psychologen und Pädagogen gestellt. Höhergradige Beeinträchtigungen sind recht leicht zu erkennen, wobei die Differenzierung der beeinträchtigten Bereiche oft problematisch ist. Ebenfalls schwierig ist die Beurteilung von Lernbehinderungen, da sie auch bei einem normal begabten Kind, bei dem die geistige Entwicklung zum Beispiel durch Sinnesstörungen, seelische Störungen oder schädigende Umgebung beeinträchtigt ist, vorkommen kann. Eine spezifische Störung wie zum Beispiel eine Lese-Rechtschreib-Schwäche führt trotz normaler Intelligenz häufig dazu, dass die betroffenen Kinder in der Schule nicht zurecht kommen, und so fälschlicherweise ein Intelligenzmangel angenommen wird.


    Um Ausmaß und die individuellen Besonderheiten der geistigen Behinderung in mehr oder weniger differenzierter Form zu beschreiben, werden Entwicklungs- und Intelligenztests eingesetzt. Bei der Intelligenzprüfung vergleicht man den derzeitigen Entwicklungsstand eines Kindes mit dem altersentsprechenden Durchschnitt. Der Test versucht, die intellektuellen Fähigkeiten in allen Bereichen des Lebens zu beurteilen.



    Gegebenenfalls werden Intelligenztests noch durch Persönlichkeits- und Konzentrationstests und andere Testverfahren ergänzt. Es ist wichtig zu wissen, dass all diese Testergebnisse keine festen, unabänderlichen Größen sind. Sie verändern sich im Lauf der Entwicklung und werden vom augenblicklichen Zustand der getesteten Kinder stark beeinflusst. Ob die Kleinen aufmerksam und kooperativ sind oder abgelenkt und nervös, muss bei der Bewertung des Tests vom Arzt oder Osychlogen berücksichtigt werden. Daher werden die Tests auch in bestimmten zeitlichen Abständen wiederholt. Zudem hat die Erfahrung gezeigt, dass abstrakte Tests wenig über die Fähigkeit eines Kindes aussagen, in seiner Umgebung praktisch zurecht zu kommen. Pädagogische Beurteilungsverfahren liefern dazu oft bessere Aussagen.



    Bei jedem Kind mit Minderbegabung werden außerdem eine eingehende körperliche Untersuchung und einer Untersuchung des Nervensystems durchgeführt.



    Behandlung


    Wenngleich eine ursächliche Behandlung der Schädigung des Gehirns nicht möglich ist, ist heute bekannt, dass spezielle Übungen, die auf den Erkenntnissen der Neuropsychiatrie aufbauen, zu einer Veränderung der beeinträchtigten Hirnprozesse führen und somit die Arbeitsfähigkeit des Gehirns verbessern können.



    Daher liegt das Schwergewicht der Therapie auf der gezielten Förderung der geistigen Fähigkeiten der betroffenen Kinder. Die zentrale Rolle nehmen dabei pädagogische und therapeutische Institutionen ein, in denen Spezialisten mit entsprechenden Kenntnissen arbeiten. Frühförderzentren, Kindergärten und Schulen mit Integrationsgruppen bzw. -klassen, sonderpädogische Zentren und Werkstätten für Behinderte verfügen meist über entsprechend qualifizierte Mitarbeiter. In diesen Einrichtungen wird von geschulten Fachleuten eine spezielle Betreuung und ein dem Intelligenzgrad und den Fähigkeiten des Kindes angepasster Unterricht angeboten, der die Betroffenen nicht überfordert. Geistig behinderte Kinder erlernen vieles nur mühsam und oft erst nach jahrelangem Training. Üben und Wiederholen sind wichtig für die Entwicklung ihrer geistigen Fähigkeiten. Aus diesem Grund ist es entscheidend, möglichst früh, das heißt, bereits im Vorschulalter, mit der Förderung zu beginnen. Die Eltern sollten sich rechtzeitig über die vorhandenen Förderungsmöglichkeiten informieren. Dabei leisten sowohl der behandelnde Arzt als auch Selbsthilfegruppen und Wohlfahrtsverbände wichtige Hilfestellung.



    Die gleichen Tätigkeiten mit denen auch nicht behinderte Kinder ihre Umwelt begreifen, regen auch die Entwicklung geistig Behinderter an: Berührungen des Mundes, Geschmacksanregungen und Finger-Mund-Spiele helfen trinken, essen und sprechen zu lernen; Materialien wie Holz und Ton lehren sie das Begreifen und Erfassen. Auch Rhythmus und Musik bieten wichtige Anregungen, die oft mit großer Begeisterung aufgenommen werden.



    Heilungschancen


    Eine Heilung ist nur dann möglich, wenn die der geistigen Behinderung zugrundeliegende Erkrankung heilbar ist und das Gehirn keine bleibenden Schäden erlitten hat, was sehr selten der Fall ist.


    Meistens bedeutet die Diagnose "Geistige Behinderung". Durch gezielte Förderung der Kinder zu einem möglichst frühen Zeitpunkt kann die geistige Entwicklung der Kinder unterstützt werden. Dadurch gibt man den Kindern die Chance, ein relativ "normales" Leben zu führen.

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