Wahrnehmungsstörungen

  • In den ersten Lebensjahren machen alle Kinder vielfältige Erfahrungen mit allen Sinnesorganen.

    Dabei lernt das Kind automatisch, alle aufgenommenen Reize im Gehirn zu verarbeiten, miteinander zu verknüpfen und sinnvoll darauf zu reagieren. Dieser Prozess wird "Integration der Sinne" genannt.



    Wenn diese Integration der Sinne gut verläuft, hat das Kind Spaß an seinen Bewegungen und Freude an seinem Tun. Man kann das sehr schön an Säuglingen und Kleinkindern sehen, die etwas Neues entdeckt haben und es dann 1000 Mal wiederholen wollen. Nur so können dann alle Sinneseindrücke sinnvoll miteinander verknüpft werden: Das Kind erfährt die Bewegungen seines Körpers, es sieht und spürt das Spielzeug, gleichzeitig hört es die Geräusche, vielleicht riecht es auch etwas, es verfolgt die Reaktionen auf sein Tun- und all das wird im Gehirn verarbeitet.



    Wenn diese Verarbeitung der aufgenommenen Reize nicht gut gelingt, spricht man von Wahrnehmungsstörungen. Es handelt sich also nicht um eine Krankheit, die Sinnesorgane selbst sind gesund, aber die Meldungen, die von den Sinnesorganen kommen, sind für das Kind anders als üblich.



    Zum Beispiel ist das Auge völlig gesund, aber im Gehirn wird das aufgenommene Bild nicht richtig verarbeitet. Das Kind kann so nicht unterscheiden, ob das hell-dunkel-Muster auf dem Boden der Schatten eines Baumes oder eine Stufe ist. Also klettert das Kind über den Schatten oder es fällt über die Stufe. Die Reaktion des Kindes passt nicht zum Sinnesreiz.



    Bildhaft kann man die Arbeit im Gehirn mit dem Straßenverkehr vergleichen: Bei einer guten Verarbeitung aller Sinneswahrnehmungen läuft der Verkehr reibungslos. Ist die sensorische Integration gestört, werden einige Sinneswahrnehmungen aufgehalten und andere, vielleicht unwichtige, verstärkt durchgeleitet- also ein Chaos.



    Wenn das Gehirn Sinneseindrücke nicht richtig verarbeiten kann, ist es auch gewöhnlich nicht in der Lage, sinnvolle Verhaltensweisen zu bestimmen. Ohne eine gute sensorische Integration fällt einem das Lernen schwer, und das betreffende Individuum fühlt sich des öfteren unzufrieden mit sich selbst und kann nicht gut genug mit alltäglichen Forderungen oder Stresssituationen fertig werden.



    Die Diagnose ist für den Kinderarzt schwierig, weil es sich nicht um eine Krankheit handelt. Bei den Vorsorgeuntersuchungen werden Krankheiten ausgeschlossen und es kann passieren, dass ein Kind bis zur U9 unauffällig ist und dennoch mit Wahrnehmungsstörungen kämpft. Zum Glück schreitet die Aufklärung weiter fort und viele Ärzte fragen immer gezielter. Die Fachrichtung für Diagnose und Behandlung ist die Ergotherapie. Der Kinderarzt wird aber z.B. mit Hör- und Sehtests weitere Erkrankungen ausschließen.



    Niemand von uns ordnet seine Empfindungen perfekt. Glückliche, produktive und gut koordinierte Menschen mögen dieser vollkommenen sensorischen Integration am nächsten kommen. ... Wenn das Gehirn die sinnliche Wahrnehmung schlecht verarbeitet, führt dieser Umstand im Leben des betreffenden Menschen zu verschiedensten Schwierigkeiten. Er muss sich mehr anstrengen und hat häufiger Probleme als andere und andererseits trotz aller Bemühungen auch weniger Erfolg und Befriedigung.

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