Traumatisierung

  • Traumatisierend können alle Ereignisse wirken, die unvermittelt, gewalttätig und unkontrolliert auf einen Menschen einwirken.

    Dies können z.B. das Erleben von Gewalt am eigenen Körper, große Schmerzen und Angst vor dem Tod oder ein (miterlebter) Unfall sein, aber auch eher passive Erlebnisse wie z.B. ein sich regelmässig völlig unvorhersehbarer Tagesablauf oder das Miterleben von Gewalteinwirkung gegenüber Dritten ohne die Möglichkeit des Eingreifens.


    Auch ein Mangel an Nahrung und Zuwendung kann traumatisierend wirken.



    Hierbei ist es nicht die Situation an sich, die grundsätzlich traumatisierend wirkt. Wenn aber die konkret erlebte Situation die psychischen Verarbeitungsmöglichkeiten eines Menschen übersteigt, tritt eine Traumatisierung auf. Dabei wird der Grad Traumatisierung vom Umfang traumatischer Vorerfahrungen und der unmittelbaren Reaktion der Bezugspersonen mitbestimmt.


    Jüngere Menschen haben weniger Möglichkeiten, als bedrohlich erlebte Situationen zu rationalisieren und zu kompensieren. Kinder verfügen aufgrund ihres jungen Alters nur über geringe Bewältigungsstrategien oder Lebenserfahrung und erleben häufig Situationen, die Erwachsene als harmlos empfinden, als zum Teil lebensbedrohlich.



    All diese Situation können bereits zu erhebliche körperlichen Schädigungen führen. Diese stellen aber nicht die bedeutsamsten Verletzungen dar. Wesentlich deutlicher wirken sich die psychischen Folgen der Gewalterfahrungen aus.



    Pflegekinder haben in jedem Fall negative Erlebnisse gemacht. Sie haben in der Regel Vernachlässigung, Gewalt oder Missbrauch und in jedem Fall den Abbruch mindestens einer - wie auch immer gearteten - Beziehung erlebt. Der überwiegende Teil der Pflegekinder hat seine bisherigen Lebenserfahrungen bei der Übersiedlung in eine Pflegefamilie nicht aus eigenen Kräften bewältigen können. Sie sind traumatisiert.



    Traumatisierte Kinder empfinden die Welt nicht mehr als sicheren Ort. Sie haben erlebt, dass ihnen nahestehende Menschen ihre Grenzen nicht respektiert haben, dass sie nicht ausreichend versorgt oder beschützt wurden. Sie wurden in ihrem Vertrauen zutiefst enttäuscht. Dies lässt sie misstrauisch und destruktiv gegenüber der Welt ("ich kann mich auf niemanden verlassen") aber auch der eigenen Person ("ich war/ bin es nicht wert, dass man sich um mich sorgt") werden. Traumatisierte Kinder sind in ihrer Beziehungsfähigkeit gestört.



    Pflegeeltern, die mit einem traumatisierten Kind zusammen leben, müssen dessen Lebensgeschichte aus seiner Perspektive nachvollziehen. Sie müssen ein Gespür dafür entwickeln, welche Erfahrungen das Kind gemacht hat und wie es dadurch geprägt wurde. Sie müssen akzeptieren, dass das Kind auf seine Erfahrung häufig mit Misstrauen gegenüber Erwachsenen reagiert, dass es vorsichtig und wachsam ist, um jede Überrumpelung zu verhindern und dass es ständig darum bemüht ist, die Kontrolle über alles, was um es herum geschieht, zu behalten. Bei allen Schwierigkeiten, die dies im alltäglichen Leben mit dem Kind bedeutet, müssen sie, um dem Kind bei der Überwindung des Traumas zu helfen, ihre durchgängig positive, verständnisvolle und liebende Haltung vermitteln. Jede Abweichung von einem solchen Verhalten deutet das traumatisierte Kind als Bestätigung seiner destruktiven Lebenseinstellung.



    Häufig ist bei einem schwer traumatisierten Kind neben dem therapeutischen Klima der Pflegefamilie, das diese durch Zuwendung und Verlässlichkeit aufbaut, zur Überwindung des Traumas eine professionelle therapeutische Begleitung des Kindes/ der Pflegefamilie erforderlich.

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