Ein etwas anderer Erfahrungsbericht - Ich habe ein Trauma erlebt

Wir leben nun 5 Jahre mit unserem PSacro_blue.gif zusammen und er ist ein wichtiger Teil unserer Familie geworden.


Er hat viele Auffälligkeiten. Einige behoben oder verbesserten sich, einige wurden schlimmer. Wie viele suchten wir oft auch nach medizinischen Erklärungen und haben die Erfahrung gemacht, egal welche Diagnose man vermutet, es trifft fast alles zu. Seine Auffälligkeiten trafen zu bei z. B. KISS-Syndrom, FAS, ADHS und noch einigen mehr. Für uns stand schnell fest, dieses Kind muß etwas schlimmes erlebt haben, er hatte teilweise Todesangst. Das erste Mal hörten wir etwas von Traumatisierung und seelischen Behinderungen.


Aber können wir uns wirklich etwas darunter vorstellen???? Können wir es nachvollziehen???? Viele Reaktionen unseres PSacro_blue.gif blieben für uns unverständlich. Jetzt erlebten wir selber ein Trauma. Das Trauma ein Kind zu haben, welches man von ganzem Herzen liebt. Ein Kind zu dem man ein inniges Verhältnis hat und meint es genau zu kennen. Dann sitzt man eines abends draußen auf der Treppe und raucht eine Zigarette. Auf einmal fährt ein Auto vor und 3 Leute steigen aus. Dürfen wir reinkommen?? In diesem Moment gefriert einen das Blut in den Adern, das Blut pocht im Kopf. Der Satz „ Ihr Sohn hat sich heute morgen das Leben genommen“ kommt gar nicht mehr richtig an. Kennt ihr das Gefühl des furchtbaren Schreckens? Ein Beispiel: Unser Sohn war mal am Strand verschwunden. Wir suchten ihn weil die roten Flaggen gehießt wurden, also schwimmen verboten, größte Gefahr. Euer Kind ist nicht auffindbar. Alles suchte und jeder schüttelte mit dem Kopf. Das ist das gleiche Gefühl. Das Blut gefriert in den Adern, man hat unbändige Angst. Dann findet man das Kind und es fällt einem „sprichtwörtlich ein Stein vom Herzen“.


So jetzt stellt euch vor, dieses Gefühl was ihr vorher hattet hört nicht auf, hört nie auf. Und damit lebt man oder muß man erst einmal leben. Das einzige was einen Überleben läßt ist die Abspaltung. Wir nannten es die Käseglocke, die sich über uns stülpte. Eines Tages saß ich auf der Terasse, ich weiß nicht was es ausgelöst hat, auf einmal wurde mir bewußt, du bist die Mama dieses Kindes, du bist die jenige die es betrifft. Ich bekam keine Luft mehr, nahm nichts mehr auf und zitterte am ganzen Körper. Keiner verstand den Auslöser, ich auch nicht. Und ich denke auch bei unseren Kindern wissen wir oft nicht, wo der Auslöser liegt. Sie werden es selber auch nicht erklären können.


So ich wollte nicht unsere Geschichte erzählen, aber seit der Zeit verstehe ich mein traumatisiertes Kind. Diese Kinder haben schreckliches erlebt und dieses Erlebte kann man nicht nehmen. Auch wenn das Erlebte lange zurück liegt, kommen die Gefühle, die man währenddessen hatte, immer wieder hoch und man ist diesen machtlos ausgeliefert.


Wir haben mit einer Trauerbegleiterin gelernt unsere Gefühle herauszulassen. Und glaubt mal, jedesmal bevor sie kam, haben mein Mann und ich gezittert. Aber sie half uns zu verstehen. Man darf nicht erwarten, daß diese Gefühle irgendwann weg sind, nein sie werden bleiben. Aber man muß lernen, damit zu leben. Keiner kann einem das schrecklich erlebte nehmen oder es in einem anderen Licht rücken. Das schönste Beispiel sagte sie uns mit dem Mobile. Eine Familie ist ein Mobile und plötzlich wird einer abgerissen. Das Mobile hängt schief. So es wird nie mehr gerade hängen, weil an dieser Position kein Gleichgewicht mehr hergestellt werden kann. Man muß akzeptieren, daß es so ist und versuchen aus dieser neuen Position wieder in die Welt zu sehen. Nichts anderes ist es bei unseren Pflegekindern, nur das sie mit ihren schlimmen Erlebnissen auch noch aus ihrer gewohnten Umgebung (ihr Mobile) herausgenommen wurden und nun nicht nur eine neue Position einnehmen, nein alles andere ist auch noch fremd. Nichts Gewohntes mehr (auch wenn es noch so schrecklich war) Alleine dies ist schon ein Trauma. Jetzt hängen sie dort mit schlimmen Erlebnissen, die sie nicht erklären können. Zusätzlich sind noch völlig fremde Personen um sie. Personen die sie oft nicht verstehen. Könnt ihr das nachvollziehen?????


Ich habe auch heute manchmal die gleichen Symptome wie unser PS. Ich komme in einer Gruppe von Menschen und plötzlich unerklärlich, fühle ich mich nicht wohl. Ich höre, daß alle reden, sogar mit mir sprechen, aber ich kann diese Stimmen nicht orten. Verstehe nicht was sie sagen und sie von mir wollen. Ich vergesse Sachen, die sonst selbstverständlich waren. Es kostet einfach ungeheure Kraft und Energie, die wichtigsten Anforderungen zu erfüllen. Man ist totmüde, kann aber nicht schlafen, weil diese Überanstrengung einen innerlich zittern läßt. Ich bin erwachsen und ich weiß warum das so ist (dank unserer Trauerbegleiterin) ich ziehe mich dann zurück oder gehe nach Hause.


Unsere Kinder wissen es nicht. Was machen sie, sie drehen am Rad, sie flüchten in einer anderen Person (Kleinkind, Tier). Ich kenne es z.B. auch, ausgelöst durch ein Gefühl, ein Geräusch auf einmal keine Luft mehr zu bekommen. Wieviele unserer Kinder leiden unter Bronchial und Asthma-Erkrankungen. Bekommen keine Luft. Ich kann vieles nachvollziehen, was es heißt ein Trauma zu haben. Und das schlimmste bei den Kindern, keiner weiß genau was es ist. Aber das ist auch gar nicht wichtig. Ich denke, so wie ich lernen mußte, z.B. auf der Küchentreppe zu sitzen, eine zu rauchen und nicht fast in Ohnmacht zu fallen, wenn ein Auto die Einfahrt hereinkommt. Denn so ging es mir.


Es zu bewältigen heißt nicht, jetzt keine Autos mehr reinfahren zu lassen, sondern zu lernen das mit dieser Situation etwas schreckliches verbunden wird. Aber egal welches Auto reinfährt, es kann mir nicht mehr die gleiche schreckliche Nachricht bringen. Versteht ihr was ich meine??? Das Schreckliche war ja schon und kann nicht wiederkommen. Man lernt, daß zwar das reinfahren des Autos einem kurzzeitig die Luft nimmt, aber man dann sofort umschalten kann und weiß, Halt stopp das ist Vergangenheit, es kann nicht wiederkommen. Ich glaube, daß ist das was unsere traumatisierten Kinder lernen müssen. Nicht das schreckliche Erlebte zu vergessen oder zu verdrängen. Sondern dazu zu stehen, daß man es erlebt hat, daß man schreckliche Gefühle hatte, aber das dieses Erlebte Vergangenheit ist.


Das diese Gefühle zwar zu ihnen gehörten, sie ihnen aber nichts mehr anhaben können. Und ich weiß eines, was unser PSacro_blue.gif am meisten braucht in seiner Position an unserem Mobile, ist das wir ihn halten, daß er sich darauf verlassen kann, in dieser Position bleiben zu können und die Personen um ihn, ihn verstehen. Das er seine Gefühle ausleben darf und muß. Er wird, genauso wie wir, therapeutische Hilfe benötigen. Aber ich bin davon überzeugt, daß sich dann vieles von selber klärt. Wenn wir es schaffen, diesem kleinen Mann die Sicherheit zu geben, daß ihm nichts mehr passieren kann . Wenn er es schafft uns zu vertrauen, daß wir ihn nie, aber auch niemals im Stich lassen werden. Wenn er die Möglichkeit bekommt, sich seinen Gefühlen zu stellen und sie anzunehmen als etwas, was zwar zu seinem Leben gehört, ihn aber nicht mehr bedroht. Wenn er daraus resultierend ein gutes Leben führen kann. Dann ja dann, hat der Tod meines Kindes etwas erreicht. Nämlich unseren kleinen Jungen zu verstehen. Zu verstehen, was es heißt etwas Schlimmes verarbeiten zu müssen.


Es ist jetzt ein etwas anderer Erfahrungsbericht geworden. Einen, dem keinem Menschen zu wünschen ist, dies selbst zu erfahren. Aber ich möchte damit aufzeigen, bitte nehmt es nicht auf die leichte Schulter was es bedeutet ein Trauma zu haben. Diese Gefühle sind schrecklich und man ist diesen machtlos ausgeliefert.



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