Ich, das „Contergankind“

Vor fast genau 48 Jahren wurde ich als so genanntes (Contergankind) geboren.


Meine Mutter hatte während der Schwangerschaft eine dieser „Contergan“ Tabletten genommen, ihr Arzt dem sie vertraute riet ihr dazu, weil sie unter Schlafstörungen litt.



Meine Arme sind beide verkürzt und ich habe an jeder Hand nur 4 Finger.


Wie allen Geschädigten fehlen mir die Daumen und die Gallenblase.



Da ich das einzige Kind meiner Eltern blieb, ( Wortlaut meiner Mutter : “Sorry, aber ich hab die Nase voll!“)


hatten meine Eltern Zeit sich sehr ausführlich mit meinem Krankheitsbild und meinem weiteren Werdegang zu beschäftigen.



Schon im Säuglingsalter bekam ich regelmäßige Therapien und Krankengymnastik…wurde von einem Arzt zum anderen gereicht.



Mit 3 Jahren erlernte ich das schwimmen, reiten, was für unsere in Mitleidenschaft gezogene Rücken sehr wichtig war…kurz: schon als kleine Kindern wurden wir gefördert, aber auch extrem gefordert.



Ab dem 4.Lebensjahr besuchte ich einen Kindergarten, indem ich das einzige behinderte Kind war.



Auf Antrag und Kampf mit dem Schulamt ,setzte meine Mutter durch , das ich wie alle Kinder auf der Grundschule unseres Stadtteils eingeschult wurde.


Eine sehr junge Lehrerin stimmte zu, mich in ihre 1.Klasse aufzunehmen.


Diese wurde viele Jahre später auch die Direktorin, die zustimmte, das unsere J. eine normale Grundschule besuchen konnte.



Ich war ein Kind mit allen Problemen, die andere auch hatten.. Liebeskummer, Schulunlust, Faulheit etc. Schwierigkeiten auf Grund der Behinderung gab es nicht.


Wie alle Anderen hatte ich Freundschaften ,Hobbys etc.


Ausgrenzungen kenn ich nicht so wirklich.



„Komische“ Blicke oder die Fragen der Umwelt konnte und kann ich bis zum heutigen Tag gut ertragen, oder vielmehr merk ich es wohl nicht mehr.


Meine Eltern und auch oft Freunde reagierten da oft viel heftiger als es mir lieb war.


Noch heut reagiert mein Mann oft etwas unwirsch auf das anstarren.



Zuhause wurde ich sehr streng erzogen…musste auch unmögliches „versuchen“, bevor ich Hilfe bekam.


Nachsicht auf Grund meiner Behinderung gab es nie.


Im Gegenteil, ich kriegte zu hören, um anerkannt zu sein/ zu bleiben musst du als Behinderter immer 100% geben.



Damit wurde ich groß.. oft mit dem Hass auf meine Mutter, die neben mir saß und zusah, das ich Stunden brauchte, um mich anzuziehen, mir den Po abzuwischen..oder eine Kartoffel zu schälen.


Aber ich wurde älter, selbstbewusster und immer selbständiger.



Viele Jahre später konnte ich meiner Mutter dankbar sein, das sie so handelte, dadurch so unendlich viel für mich erreichte , aber unsere Beziehung behielt einen „Knacks“.



Ein Jahr besuchte ich nach der Grundschule eine bischöfliche Mädchenrealschule, bis der ersehnte Platz an der Waldorfschule „Hibernia“ in Wanne-Eickel frei wurde.



Zu der Zeit gab es dort eine „Contiklasse“.


Doch da wollte ich nicht hin.. also kam ich nach vielen Diskussionen mit Lehrern und Psychologen in die Großklasse.


Ich wollte keine „Sonderstellung“, wollte dazu gehören, alles versuchen, alles schaffen.



Auch hier hatte ich schnell neue Freunde, machte alles mit (auch allen Unfug) und bekam, wenn es mal notwendig war, auch ungefragt Hilfestellung meiner Mitschüler.



Alle notwendigen Praktikas musste ich ableisten wie die anderen auch.


z.B. Schmieden, Holzwerken, Gartenbau, Weben etc. brachten mich oft fast bis an meine Grenzen, aber ich wuchs mit meinen Aufgaben.


Fragt mich nicht wie.. aber ich kriegte das alles hin.



Ich schlug den Weg der Erzieherin ein, welchen ich später erweiterte zur staatlich examierten Ergotherapeutin.



Prof .Dr. Dr. Schlegel aus Essen gab mir die Möglichkeit dazu.. allerdings mit dem Beiwort:“ Mädel, ich trau dir viel zu, aber Extrawürschte für deine Behinderung gibt’s hier nicht. Gib mir 200% und wir zwei verstehen uns!“



Und ich gab 210%, denn solch Chance bekommt man nur einmal im Leben.



Durch meine so gut gelaufenen Praktikas hatte ich schon vor Abschluss des Staatsexamens eine Festanstellung.



Als ich meinen Mann kennenlernte, wuchs der Wunsch nach einem Kind auch bei uns.



Und siehe da.. plötzlich fühlte ich mich „schrecklich behindert“.


Konnte ich mit den kurzen Armen und kommendem dickem Bauch auch noch so selbständig sein?


Wollte ich es, dass ich mein Kind nie allein „normal“ würde tragen können?


Würde ich mein Baby eventuell mit den Füssen füttern und wickeln müssen?


Würde ich immer Fremde um mich haben wollen, die mich bei der Säuglingspflege unterstützen?



Tausend Fragen Tag und Nacht in meinem Kopf.. zum ersten Mal die große Angst zu versagen, überfordert zu sein.


Verzweiflung weil ich nie ein Kind im Arm halten würde, das mein eignes war?


Ängste dadurch meinen Mann zu verlieren…



Wir liebten doch Kinder so sehr.. und unsere Patenkinder trug ich, wickelte und fütterte sie und sie liebten mich.


Aber der Alltag wäre ein anderer.. denn die Patenkinder waren Stunden oder vielleicht mal ein Wochenende bei uns… und danach war ich „platt“.



Nein, eine Mutter die nicht alles „allein“ für ihr Kind tun konnte, die wollte ich nicht sein.


Niemals!



So kamen wir zu dem Entschluss ein Pflegekind das ,wie man sagt“ aus dem Gröbsten raus ist“ zu uns zu nehmen.


Wir bewarben uns mit unseren für uns sehr wichtigen Begründungen beim JA und beim SKF.



Doch dieser Weg war nicht leicht, eine behinderte Pflegemutter??


Hm.. anscheinend eher ein „No Go“…trotz des Berufes.


Der SKF lehnte uns ab, das JA riet uns doch “einige Jahre” zu warten (ob die dachten, da wächst dann noch was?)



Doch wir gaben nicht auf unser Vorhaben in die Tat umsetzen zu können.


Die Freundin meiner Mutter leitete den „DPWV“ und versprach uns zu helfen.


( Diese kannte mich aber auch von Geburt an)



So kam es dazu, dass unsere J. binnen kürzester Zeit als Dauerpflege im Alter von 5 Jahren bei uns einzog.


Ein schwer traumatisiertes FAS-Kind, mit Borderline, Essstörungen sowie Misshandlungen und Missbrauch im Hintergrund.



Zuvor war sie zweimal in Bereitschaftspflege und dreimal kurzfristig in Heimen untergebracht.



Wir wuchsen trotz aller Schwierigkeiten und Kämpfen zu einer glücklichen Familie zusammen.



Das Ganze ist heut 15 Jahre her und ich bereue heute nicht mehr, kein eigenes Kind bekommen zu haben…obwohl mir viele Jahre der Babygeruch so sehr gefehlt hat, das ich nur noch hätte weinen können.



Mit 40 war ich dann komischerweise fast noch mal so weit, das ich es drauf ankommen lassen wollte, ein Baby zu bekommen.


Tag und Nacht konnte ich an nichts anderes denken.


Wahrscheinlich die Angst vor der biologischen Uhr…



Aber meine Vernunft sagt, ich hab meine Entscheidung richtig getroffen.


Ich hab einem Baby erspart, vielleicht wegen meiner Behinderung auf irgendetwas verzichten zu müssen.



Zudem bekam so ein sehr schwer zu vermittelndes Kind die Möglichkeit in einer intakten Familie aufzuwachsen.


Und auch mit unserer J. gab ich immer 210% , um ihr alle Möglichkeiten zu geben, ein ihrer Behinderung entsprechendes Leben zu führen.



Ich würde in meiner Situation immer wieder so handeln.



Rückblickend verlief mein Leben glücklich und zufrieden. Ich hatte nie den Wunsch mit jemanden zu tauschen.



© pflegeeltern.de von Userin BettinaD.