Gedanken einer Pflegemutter

1998 :

Ich sitze in M. im Stadtbus und schaue gedankenverloren aus dem Fenster.

Ich denke an Computer und bin froh, das ich mir so ein Ding (diese jagten mir noch bis vor einem Jahr gehörige Angst ein) nicht anschaffen musste, denn mein Sohn ist auch so durch die Schulzeit gekommen.

Dann der Gedankesblitz: Aber für meine Tochter werde ich nicht drumherumkommen !


Hoppla,wie kam ich denn bitte auf so was !?


Zu dem Zeitpunkt war ich ledige Mutter eines fast 15-Jährigen und dachte nicht im Traum an ein weiteres Kind !


Trotzdem brannte sich dieser Gedankesblitz in mein Gedächtnis , geriet aber vorerst wieder in Vergessenheit...


Zwei Jahre später kam ich zurück nach B., meiner Geburtsstadt und wirklichen Heimat. Ein Neuanfang, der durch die Arbeitslosigkeit erstmal sehr schwer war. Aber ich machte Babysitten und betreute einen wöchentlichen Krabbelgruppentreff, so lernte ich recht schnell Leute kennen und saß nicht nur tatenlos zu Hause. Nur - eine wirkliche Aufgabe fehlte.


Eine Freundin gab mir dann den Tip, mal über ein Pflegekind nachzudenken...


Hm... Ein fremdes Kind ? Und ich erinnerte mich an den Gedanken vor Jahren im Stadtbus in M. Aha !


Also Termin mit dem Jugendamt gemacht. Herzklopfen und dann ? Die Sachbearbeiterin hatte den Termin vergessen, saß in einer Besprechung. Immerhin bekam ich die Antragsformulare mit und einen neuen Termin.

Den wollte ich aber sausen lassen, weil ich glaubte, so etwas nicht mitspielen zu müssen.


Die Freundin meinte jedoch, vielleicht war das schon der erste Test zwecks Ernsthaftigkeit und Belastbarkeit. Hm... Na gut, denn ernst meinte ich es und belastbar bin ich auch, schließlich habe ich meinen Sohn auch allein und gut großgezogen.


Der Antrag ließ sich flüssig ausfüllen und der Lebensbericht schrieb sich fast von allein. Das ärtzliche Attest bekam ich sofort.

Die Sachbearbeiterin blieb sachlich bedeckt, war aber freundlich.


Nun kam die psychologische Überprüfung in zwei Sitzungen. Auch diese Dame blieb reserviert. Irgendwann las ich dann mal im Gutachten, das ich zwar schon irgendwo einen Kinderersatz suche (was ich jedoch bis heute entschieden von mir weise), aber als Pflegemutter sehr geeignet sei. Die restliche Überprüfung empfand ich als sehr oberflächlich. Ich brauchte mein Einkommen (damals Arbeitslosenhilfe) nur mündlich angeben und an einen Hausbesuch kann ich mich nicht erinnern. Jedenfalls sollte ich belegt werden, sobald ich den Pflegeelternkurs absolviert habe.


Dieser Kurs war dann eine sehr schöne Zeit. Mehrmals abends und an einigen Samstagen traf eine bunte und schöne Gruppe zusammen, die sehr wissbegierig war und sich auch toll verstand.


Und wenige Monate später kam die Anfrage, ob ich eine knapp 2-Jährige aufnehmen würde, wenn sich keine Verwandten fänden. Klar ! Es fanden sich aber Verwandte.


Kurz darauf kam Frage, ob ich auch 3 Brüder nehmen würde. Oje, 3 Jungs ? Die wollte ich erst mal sehen. Doch der Funke blieb dann aus, die Sachbearbeiterin merkte das und zeigte Verständnis. Drei so wilde Jungen wären für eine alleinstehende Pflegemutter auch nicht wirklich optimal.


Damit hatte ich geglaubt, alle Chancen verspielt zu haben und rechnete nicht mehr mit einem Anruf vom Jugendamt...


Aber die 2-Jährige hatte unterdessen bei den Verwandten keine gute Zeit und erlebte sogar einen Missbrauch. Ihre Mutter war nicht mehr auffindbar und so landete das Kind in der Bereitschaftspflege. Monate später sollte sie als Dauerpflegekind vermittelt werden. Und die Sachbearbeiterin fragte tatsächlich mich noch einmal. Klar will ich die Kleine !


So lernte ich sie kurze Zeit später kennen und der Funke sprang gleich über.

Die Anbahnung bestand aus ein paar Besuchen. Das Jugendamt hatte gesehen, das die Kleine und ich uns mochten und hatte es eilig. Wenige Wochen später zog sie bei mir ein.


Nun hatte ich also eine Tochter. Aber wie konnte ich das Jahre früher in besagtem Stadtbus wissen ?


Die 2 1/2-Jährige erlebte mit dem Einzug bei mir den 3. Bindungsabbruch und reagierte noch vom selben Nachmittag an. Monatelang hat sie nur gebrüllt und geschrien, sie ersetzte jeden bunten Hund absolut vollwertig. Sogar mein inzwischen erwachsener Sohn zog aus, weil er das nicht ertragen konnte. Das tat sehr weh, verbesserte aber seltsammerweise die Beziehung zwischen ihm und mir um ein Vielfaches.


Das Schreikind habe ich ausgehalten, weil ich um nichts in der Welt ihr einen erneuten Bindungsabbruch zumuten wollte.


Gleich nach ihrem Einzug bei mir musste das Mädchen regelmäßig seine Mutter treffen, welches ihr Ankommen bei mir sehr erschwerte. Außerdem tauchte ihre Mutter regelmäßig ab und versetzte das Kind immer öfter. Und als unerfahrene Pflegemutter kam ich mit der leiblichen Mutter garnicht klar (Konkurrenz), obwohl diese wirklich freundlich und willig war bei den seltenen Zusammentreffen. Auch die psychologische Begleitung sah nur die Bedürfnisse der leiblichen Mutter, meine Nöte erkannte niemand. Ebenso erkannte niemand die seelischen Nöte des Kindes, das nun schon soviel durchgemacht hatte und nicht in Ruhe gelassen wurde.


Aber die leibliche Mutter tauchte bald ganz ab und so hatte meine Pflegetochter die Chance, endlich zur Ruhe zu kommen und bei mir anzukommen. Dieses Ankommen hat jedoch viele Jahre gedauert. Sie ging einfach keine Bindung zu mir ein - kein Wunder nach 3 Bindungsabbrüchen in den ersten beiden Lebensjahren. Zudem stellte sich eine recht große Entwicklungsverzögerung heraus sowie eine Sprachentwicklungsstörung.

Sie wurde I-Kind im Kindergarten und entwickelte sich zwar langsam, aber stetig weiter.


Sehr beeindruckend war und ist immer ihre riesige Lebensfreude. Kleinste Dinge, normal für andere Kinder, wurden bestaunt und erfreut registriert.


Und so wurde mit ganz viel Liebe, Geduld und Konsequenz aus dem kleinen vergrämten Hascherl ein Kind, das aufblähte wie eine Blume.

Sie ist mit Leib und Seele Mädchen und lebt bis heute mit vollster Begeisterung in der rosa Welt der Feen und Prinzessinnen.

Inzwischen hat sie sich ganz auf mich eingelassen und schenkt mir so oft ein bezauberndes Lachen, welches mein Herz vor Freude jedesmal zu einem Luftsprung verführt.


Die Zusammenarbeit mit dem damaligen Jugendamt war ausgesprochen harmonisch und kompetent. Auch hatte ich in der Zwischenzeit eine Festanstellung als Erzieherin im öffentlichen Dienst ergattert und war sehr glücklich in meinem Team und der schönen Kita. Es lief jahrelang bestens und mein Pflegekind dankte es mit einer guten Entwicklung.


Vor einem Jahr wurde nun ein neues Jugendamt zuständig und ich musste in einer harten Schule lernen, wie Unsensibilität und Inkompetenz in Form einer Sachbearbeiterin mir als Pflegemutter das Leben erschweren können.


Spass und Freude am Pflegemutter-Dasein gingen auf einen Schlag verloren und am liebsten wollte ich aufgeben. Ich kann auch bis heute noch nicht verstehen, warum man Pflegeeltern, die eine gute und wertvolle Arbeit leisten, teilweise so entwürdigend behandelt.


Aber ich lernte mühsam, zu trennen. Auf der einen Seite sehe ich mein geliebtes Pflegekind, welches nichts dafür kann und nicht leiden soll. Abgekoppelt davon ist die Arbeit mit dem Jugendamt und somit inzwischen eine eigene Geschichte.


Und weil ich nun bewusst trennen kann, möchten meine Pflegetochter und ich einem weiteren Mäuschen Herz und Haus öffnen. Meiner Pflegetochter wird die "Enttrohnung" gut bekommen, sie wünscht sich sehr eine kleine Schwester.

Und ich bin bereit, nochmal einem Kind ein Zuhause zu geben - mit allen Konsequenzen...


2008:

Für meine Pflegetochter habe ich mir einen Computer angeschafft und mich langsam daran eingearbeitet. Meine frühere Angst davor verstehe ich nicht mehr wirklich... Und meine Kleine sitzt mittlerweile wie eine Alte davor - herrlich !


Ich möchte mein jetziges Leben und meine Pflegetochter nie mehr missen.


Jedoch bin ich nie dahinter gekommen, warum ich damals in M. im Stadtbus diesen Gedankesblitz an eine Tochter hatte...


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