Erfahrungsbericht - neu

Hallo Leute,

ich habe mich entschlossen euch von meiner größten Reise überhaupt zu erzählen, von der Tatsache, dass meine beiden Töchter nicht meine leiblichen Kinder sind, von dem Weg, der so viele Unsicherheiten wie kein anderer zuvor hervorgerufen hat und immer noch hervorruft, vom Schock, als ich realisiert habe, dass ich nicht schwanger werden konnte, von der Freude, als wir sie bekamen und von den großen Herausforderungen, vor denen Pflegeeltern im Allgemeinen stehen.


Ich habe mir lange überlegt, wie ich dieses Thema, das mir wie keines zuvor am Herzen liegt, am besten aufbauen kann, und habe mich dafür entschieden, euch zu erst einmal meine ganz persönliche Geschichte zu erzählen und euch danach noch einiges an Inputs zu geben, die ich im Rahmen meiner Ausbildung zur Sozialpädagogin einfach zusammengetragen habe. So wird der erste Teil eher emotional und persönlich sein, der zweite Teil danach eher professionell.


Ich freue mich sehr, dass ihr bereit seid, meinen Bericht zu lesen und somit auch mich besser kennen lernen wollt.


PERSÖNLICHER TEIL


DER SCHOCK

Den Tag, an dem ich erfahren habe, dass ich keine Kinder bekommen kann, war bestimmt bisher der schlimmste in meinem Leben. Ich saß in einem kahlen Zimmer des örtlichen Krankenhauses und der Primar der Gynäkologie, der sich die letzten Monate intensiv um mich bemüht hat, teilte mir mit, dass auch die letzte Hormonbehandlung kein Ergebnis gebracht hat. Er hatte noch viele andere Gedanken im Kopf, aber für mich war klar, dass es das jetzt war. Die letzten Jahre haben unsere Eheleben mit dem Wunsch nach einem Kind zu sehr belastet, Sexualität fand nur mehr nach der Uhr statt und der Druck wurde von Monat zu Monat größer. Ich hörte dem Arzt gar nicht mehr zu, fühlte, wie ich in ein tiefes Loch stürzte und einfach nichts mehr fühlte. Mein sehnlichster Lebenswunsch war gerade wie eine Seifenblase zerplatzt und ich konnte mich nicht bewegen. In diesem Moment habe ich mich das erste Mal wirklich alleine gefühlt, obwohl ich von einer Traube an Ärzten und Schwestern umgeben war.

DIE SCHULDGEFÜHLE


Auf meinem Weg aus dem Krankenhaus befiel mich dann auf einmal ein ganz anderes Gefühl, nämlich das Gefühl, dass ich meinen Mann verlassen müsste, denn schließlich sei ich schuld daran, dass er keine leiblichen Kinder haben könnte und das sei nicht fair. Ich machte dann auch tatsächlich meinem Mann den Vorschlag einer Scheidung, den er - zum Glück - erbost abgeschlagen hat. Er wollte von Anfang an sein Leben mit mir verbringen, Kinder wären nur die Draufgabe gewesen. Hört sich gut an, meine Schuldgefühle konnte das aber lange nicht lindern.


DIE MÖGLICHKEITEN


Viele Möglichkeiten blieben uns nicht, die illegalen (z.B. Leihmutterschaft) haben wir von vornherein ausgeschlossen und so hatten wir zwischen Folgenden zu wählen:


KÜNSTLICHE BEFRUCHTUNG

Mein Mann und ich haben diese Möglichkeit von vornherein ausgeschlossen. Vielleicht können das einige nicht verstehen, meinen, wir hätten nicht alles versucht, aber ich war zu diesem Zeitpunkt am Ende meiner Kräfte und mein Arzt meinte, auch hier seien die Aussichten eines Erfolges nur etwa 20 % der normalen Erfolgsaussichten. Bedenkt man, dass diese auch nicht überragend hoch sind, bleiben bei mir noch so 5 % übrig, wenn überhaupt und eine 5 % Chance ist dann doch sehr gering, vor allem, wenn man bedenkt, welche Strapazen man dafür auf sich nehmen muss. Also schied diese Variante aus.


KINDERLOS BLEIBEN

Eine Möglichkeit, die für mich überhaupt nicht in Frage kam. Ein Leben ohne Kinder konnte und wollte ich mir nicht vorstellen. Ich habe mich immer als Mutter gesehen, unser Haus hatte zwei Kinderzimmer schon fix eingeplant, meine Schwägerinnen bekamen ein Kind nach dem anderen und ich wollte dieses Glück einfach auch haben. Also schied diese Variante ebenfalls aus.


ADOPTION

Dies stellte für uns die beste Möglichkeit dar - bis die Sozialarbeiterin zu Besuch kam. Sie erzählte uns von einer Wartefrist von 6 bis 10 Jahren in unserer Region und der Tatsache, dass es uns nur erlaubt sein würde, ein Kind zu adoptieren. Ein zweites wäre aufgrund der vielen Adoptionswerber nicht möglich.

Eine Auslandsadoption kam aus privaten Gründen (mein Schwiegervater, der ohnehin dagegen war, hätte ein ausländisches Kind niemals in die Familie integriert und mein Mann wollte mit seiner Familie nicht brechen, was dies aber bedeutet hätte) nicht in Frage und so schied auch diese Variante aus.


PFLEGE

Natürlich wussten wir nur das, was wir von Pflegekindern aufgeschnappt haben, nämlich die Tatsache, dass sie vielleicht wieder weg kommen. Dass diese Chance relativ gering ist und im Vorfeld schon genau abgeklärt ist, welche Kinder zu Pflegeeltern kommen, war uns zu dieser Zeit noch nicht bekannt. Aber was blieb uns anderes übrig? Wir wollten Kinder - unbedingt und so haben wir uns nach einem weiteren Besuch unserer Sozialarbeiterin dazu entschieden, uns für ein Pflegekind zu bewerben.


VORAUSSETZUNGEN


Hier schreibe ich euch mal die offiziellen Voraussetzungen nieder (vom Wiener Magistrat 11) und dazu, wie es bei uns gelaufen ist:

1) "Bewerber um ein Pflegekind sollten eine gewisse Lebenserfahrung mitbringen. Die Praxis zeigt, dass die meisten Pflegeeltern nicht jünger als 25 Jahre sind, wenn sie diese Aufgabe übernehmen."

Gut, wir waren die Ausnahme, ich war bei der Bewerbung 23 Jahre alt, mein Mann 26.. Da wir aber auch in diesem jungen Alter schon sehr gut gesettelt waren, d.h. wir hatten beide gut bezahlte Arbeit und unser Haus war schon einzugsbereit, stellte das für die Sozialarbeiterin keinen Grund einer Verweigerung der Bewilligung dar.

2) "Der Altersabstand zwischen der Hauptbetreuungsperson und dem Pflegekind sollte ca. 40 Jahre nicht übersteigen."

Gut, bezogen auf Punkt 1 wisst ihr, dass dies bei uns ohnehin nicht der Fall war, generell aber - vor allem aber auch aufgrund des Fehlens genügender Pflegeeltern - kann man bei der Alterszahl doch variieren.

3) "Die Eignung zur Aufnahme eines Pflegekindes wird eingehend geprüft."

Eingehend ist hier wohl Definitionssache. Ich kann mich noch genau erinnern, wie wir geputzt und geschrubbt haben, bevor wir zum ersten Mal Besuch von der Sozialarbeiterin bekommen haben. Fakt ist, dass sie durch ins Wohnzimmer gegangen ist und mit uns geplaudert hat, eine Hausbesichtigung mussten wir ihr förmlich aufdrängen. Danach musste noch ein Fragebogen ausgefüllt werden, ich kann mich aber nicht genau daran erinnern, wie der aussah, ich weiß, dass Fragen über Geschlecht, Herkunftsland, welche Art der Vorerfahrungen wir aushalten würden (sexueller Missbrauch, Heroinentzug im Babyalte,..), welche Krankheiten für uns akzeptabel wären (Hepatitis C, Aids, Behinderung), welches Alter das Kind haben soll und ob wir auch Geschwister nehmen würden. Vor allem der letzte Punkt war für uns von Interesse. Da wir wussten, dass es Geschwisterpärchen immer schwerer haben, genommen zu werden, dachten wir, dass dies für uns eine gute Lösung war, da wir ohnehin von Anfang an zwei Kinder haben wollten und der Vorteil darin besteht, dass wir uns nur mit einmal leiblichen Eltern auseinandersetzen müssen. Also haben wir auch hier ein Kreuzchen gemacht.

4) "Die persönlichen, sozialen, gesundheitlichen und wirtschaftlichen Voraussetzungen müssen stimmen."

Dies hört sich schlimmer an, als es in Wirklichkeit war. Wir mussten zum Arzt, der uns mit den Worten "Ich werde sicher nicht zwischen Ihnen und einem Kind stehen" begrüßte und den "Wisch" unterschrieben hat, ohne uns auch irgendetwas zu fragen. Die Schulden für das Haus waren nicht so drastisch, familiär waren wir mehr oder weniger gut eingebettet und wir hatten auch keine diagnostizierten Persönlichkeitsstörungen, also konnten wir auch diesen Punkt erfüllen.

Neu dazugekommen und für uns noch nicht relevant gewesen, ist der folgende Punkt:

5. Der Besuch eines Vorbereitungsseminars für Pflegeeltern ist verpflichtend

Dies ist ein Kurs, der an einigen Wochenenden im Jahr angeboten wird, um die Pflegeeltern auf die künftige Aufgabe vorzubereiten. Ich finde es sehr schade, dass wir diese Möglichkeit nicht hatten, andererseits bin ich manches Mal froh, dass ich am Anfang nicht gewusst habe, was auf mich zukommt.

Da wir also alle von uns geforderten Rahmenbedingungen erfüllen konnten, bekamen wir nach einiger Zeit eine Bestätigung dafür, dass wir als Pflegeeltern geeignet sind.


MITTEILUNG AN DIE FAMILIE


Nach dem positiven Bewilligungsbescheid haben wir unseren Familien mitgeteilt, dass wir uns für diesen Schritt entschieden haben. Meine Eltern waren sehr aufgeschlossen, vor allem auch dadurch, weil sie gesehen haben, was ich in der Zeit des "Versuchs schwanger zu werden" durchgemacht habe. Sie versicherten mir, dass sie keinen Unterschied machen würden zwischen leiblichen Kindern und Adoptivkindern. Meine Geschwister waren zu diesem Zeitpunkt noch sehr jung und freuten sich einfach auf ein Baby.

Die Brüder meines Mannes sagten nicht viel zu dem Thema, akzeptierten und respektierten aber unsere Entscheidung. Anders war es bei meinem Schwiegervater. Der bekam fast einen Herzinfarkt und hat doch glatt gesagt, wenn sein Sohn nicht in der Lage ist, dann würde er mir ein Kind machen - da wusste er aber schon, dass die Kinderlosigkeit an mir liegt. Er schimpfte herum, dass wir irgendeinen Bastard beherbergen würden und konnte nicht verstehen, warum wir Geld in ein "fremdes" Kind investieren wollten. Der Schock über die Reaktion saß tief, dennoch ließen wir uns von unserem Vorhaben einfach nicht mehr abbringen.


DAS WARTEN


In der Zeit, in der wir nichts von der Sozialarbeiterin hörten, versuchte ich bewusst, nicht an das Thema zu denken, da ich dachte, dass Vorbereitungen Unglück bringen. Wir arbeiteten normal weiter und lebten unser Leben, wir kauften absolut nichts ein und warteten …. allerdings nicht sehr lange.

DER ANRUF


Ich saß gerade im Pausenraum meines Rechtsanwaltsbüros als das Telefon klingelte. Meine Kollegin nahm ab und holte mich mit der Mitteilung, sie hätte den Namen nicht verstanden. Ich nahm das Telefonat also entgegen und die Sozialarbeiterin meldete sich. Sie meinte, wir müssten uns sehen, am besten heute noch und ich sollte doch meinem Mann Bescheid geben. Diese Dringlichkeit verwirrte mich etwas und ich hatte ein unbehagliches Gefühl. So fragte ich, ob es etwas Schlimmes sei, was sie uns zu sagen hätte und sie meinte nur: "Nein, etwas sehr Schönes!". Wir vereinbarten eine Zeit und als ich ablegte, zitterte ich am ganzen Körper. Jetzt war es so weit, ich konnte nicht mehr zurück. Heute Abend würde mir die Sozialarbeiterin von meinem Jungen erzählen. Wir haben das Geschlecht des Kindes nicht angegeben, aber ich war überzeugt, dass wir einen Jungen bekommen, denn im Herzen wollte ich immer zwei Mädchen haben und so viel Glück konnte mir sicher nicht passieren.


DER BESUCH


Am gleichen Abend kam die Sozialarbeiterin vorbei und erzählte uns, dass es im Vorfeld Komplikationen gegeben hätte. Ein Kind wäre bereits für uns vorgesehen gewesen, doch weil die in Wien zuständige Sozialarbeiterin zu dieser Zeit auf Urlaub war, wurde das Kind weiter gegeben. Dennoch sollten wir dies als Schicksal ansehen, denn nun habe man die passenden Kinder (Betonung liegt auf der Mehrzahl) für uns. Zwei kleine Mädchen im Alter von zweidreiviertel Jahren und dreizehn Monaten suchten dringend ein Zuhause. Sie seien seit einiger Zeit bei einer Krisenpflegefamilie untergebracht und wir sollen uns mit der Wiener Sozialarbeiterin einen Termin ausmachen, um die Kinder in Wien zu sehen. Sie selbst wisse sehr wenig von den Kindern. Wir freuten uns sehr und hatten das Gefühl, gerade von einer Schwangerschaft erfahren zu haben.


ANRUF IN WIEN


Der Tiefschlag kam sofort am nächsten Tag. Die Sozialarbeiterin in Wien berichtete von Unklarheiten, der leibliche Vater habe die Obsorge beantragt und das Gericht müsse zuerst die Umstände des Vaters berücksichtigen, bevor es eine Entscheidung über eine Langzeitpflege treffen kann. Zumindest verriet sie uns die Namen der Kinder.


ERNEUTE - DIESES MAL SCHLIMME - WARTEZEIT


Also hieß es wieder warten und dieses Mal war es schon schwierig, ich hatte das Gefühl, dass uns jemand unsere Kinder wegnehmen wollte, denn immer noch fühlte ich, dass diese Mädchen zu uns gehörten. Wir riefen mehrmals in Wien an, doch wir bekamen immer die gleiche Antwort: Bitte warten!

Ein gutes hatte die Wartezeit aber dennoch. Wir wussten, dass dieses Pflegeelterngeschichte wirklich wahr werden würde und so haben wir zumindest mal ein Kinderzimmer bestellt, darauf war aber einiges an Wartezeit, was wir aber nicht für so tragisch hielten, warten war ja das, was wir in den letzten Monaten gelernt hatten.


DER ERLÖSENDE ANRUF


Etwa ein Monat nach dem Besuch der Sozialarbeiterin kam dann endlich der Anruf von Wien. Der Vater würde das Sorgerecht nicht bekommen und wir sollen sobald wie möglich nach Wien kommen, um die Mädchen zu besuchen. Wir vereinbarten einen Termin für die nächste Woche, am 14. November 2000, einen Dienstag.

Weiter machten wir nichts, weil wir ja nicht wussten, wie lange sich dieses "Verfahren" noch hinziehen würde, erfahrensgemäß dauert es hier ja.


DAS ERSTE MAL


Ich kann mich nicht erinnern, jemals so schlecht geschlafen zu haben als von Montag auf Dienstag. Ich lag eindeutig in den Wehen. Der Weg nach Wien (von uns ca. 60 km) zog sich unendlich hin und mir war mehr als schlecht.

Endlich angekommen mussten wir uns zuerst mit den verschiedensten Sozialarbeitern zusammensetzen. Die Atmosphäre war zwar gemütlich, es gab Kaffee und Kuchen, aber ich war innerlich zu angespannt, um diese Zeit, die zu der wichtigsten in meinem Leben gehörte, genießen zu können.

Plötzlich klopfte es an der Tür. Ein kleines blondhaariges Mädchen in rosa Latzhose und Jeansjacke kam durch die Tür, gefolgt von der Krisenpflegemutter, die ein kleines Kind ohne viele Haare und auch mit einer blauen Jacke am Arm trug.

Das waren sie also, unsere Kinder. Mir fiel ein Stein vom Herzen, weil sie mir sofort sympathisch waren. Im Vorfeld hat man uns oft gesagt, dass wir die Kinder ja nicht nehmen sollen, wenn wir kein gutes Gefühl hätten. Es gäbe genug Kinder, die auf Pflegeeltern warten und wir müssten nicht die "erstbesten" nehmen. Dennoch gab es hier für uns keine Überlegungszeit oder sonst etwas. Mein Gefühl hatte sich bestätigt, ich habe meine Kinder heute zum ersten Mal gesehen.

Dann ging alles furchtbar schnell, ein Treffen bei der Krisenpflegefamilie am Sonntag wurde ausgemacht und am Montag sollten die Kinder zu uns kommen - in 6 Tagen sollte sich mein Leben von Grund auf ändern. In sechs Tagen!!!!


DIE SECHS TAGE


Ich glaube nicht, dass es in meinem Leben eine stressigere Zeit gegeben hat, als diese sechs Tage. Da wir aufgrund meiner Ansicht, alle Vorbereitungen brächten Unglück, nichts, aber auch gar nichts gemacht hatten, bekamen wir jetzt die Hektik. Kleidung wurde von Freunden zusammengetragen, die Waschmaschine lief die ganze Zeit auf Hochtouren, bei Lutz machten wir Druck wegen des Kinderzimmers, das dann wirklich am Samstag noch geliefert werden konnte und bis tief in die Nacht mit Hilfe sämtlicher Verwandter aufgebaut wurde, neue Kleidung wurde gekauft, ein Kinderwagen besorgt, Hygieneartikel, Windeln, Flaschen usw. musste auch noch unserem Hausstand beigefügt werden und so verging die Zeit wirklich im Flug.


DAS TREFFEN BEI DER KRISENPFLEGEFAMILIE


Da s Treffen bei den Krisenpflegeeltern verlief sehr gut. Wir konnten mit den Kindern den Vormittag alleine verbringen. Da kam uns die Distanzlosigkeit von unserer Großen noch sehr entgegen. Die kleine Maus hingegen war bereits sehr auf ihre Krisenpflegemutter fixiert und konnte nur unter lautem Gebrüll von ihr weggenommen werden. Dies musste aber sein, weil wir die Kinder am nächsten Tag zu uns nehmen mussten und zum Glück beruhigte sie sich schnell.

Den Nachmittag verbrachten wir alle zusammen auf einem Kirtagsfest in Klosterneuburg (Nähe Wien) und dies ist zur lieben Tradition geworden. Jahr für Jahr fahren wir wieder nach Klosterneuburg, treffen die Familie und feiern die Jahrestage der "Ankunft" unserer Kinder.


DER ERSTE TAG IM NEUEN ZUHAUSE


Der erste Tag war sehr aufregend. Die Krisenpflegemutter brachte die Kinder zu uns, spielte noch eine Stunde mit ihnen und verabschiedete sich danach. Jetzt waren wir alleine - alleine mit zwei wildfremden Kindern, die ab jetzt unsere waren. Ein sehr merkwürdiges Gefühl. Viel zum Fühlen kamen wir aber nicht, denn der Nachmittag war geprägt von Besuch und Geschenken. Jeder wollte die neuen Familienmitglieder sehen und jeder war von den beiden blondschopfigen Mädchen begeistert, sogar mein Schwiegervater zeigte sich erstaunlich friedfertig. Dieser Tag zählte sicher zu den schönsten in meinem Leben.


DIE ERSTE ZEIT


Ab hier gibt es allerdings nichts mehr zu Beschönigen oder anders zu sehen. Die erste Zeit war schrecklich und wenn ich von erster Zeit spreche, dann meine ich nicht Wochen oder Monate sondern zwei volle Jahre.

Nachdem die Kinder die ersten beiden Wochen wie Engel waren (jetzt als Sozialpädagogin weiß ich, sie waren in der Anpassungsphase), ging es danach drunter und drüber. Ich fand mich von einem 40 Stunden Job auf einmal als Hausfrau und Mutter zweier fremden Kinder wieder, war heillos überfordert und brach immer wieder scheinbar unbegründet in Tränen aus. Mein Mann war den ganzen Tag in der Arbeit, sah die Kinder nur kurz vor dem Schlafengehen und am Sonntag.

Hinzu kam, dass beide Kinder einen erheblichen Entwicklungsrückstand aufzuweisen hatten. Unsere kleine Tochter konnte mit 14 Monaten weder Krabbeln noch stehen, von Gehen war gar nicht die Rede, die große konnte mit fast 3 Jahren gerade mal 10 Wörter sprechen. Außerdem hatte sie ein massives Kot-Ausscheidungsproblem, das Stunden - singend, Geschichte vorlesend, redend, schreiend, weinend - auf der Toilette erforderte.

In der Folge verbrachten wir unsere Zeit bei Therapeuten, Logopäden, Psychologen und hatten eigentlich viel zu wenig Zeit für uns.

Nebenbei mussten sowohl mein Mann als auch ich arbeiten gehen und die Kinder waren öfter bei meinen Eltern oder Großeltern. Dennoch hatte ich mit meinem Chef wahnsinniges Glück, weil er mich meine Zeit völlig frei einteilen ließ. So konnte ich zwei Tage viel arbeiten und danach hatte ich frei. Außerdem konnte ich auch von zuhause aus Schriftsätze und Briefe verfassen. Dies ging also zum Glück sehr gut.


DIE WENDE


Die Wende kam bei einem Urlaub in Koblenz knapp zwei Jahre nachdem wir die Mädchen bekommen hatten. Wir wollten endlich Zeit zusammen verbringen und fuhren nach Koblenz um die umliegenden Städte und den Rhein zu besuchen. Dennoch war uns die Angespanntheit ins Gesicht geschrieben. Auf einem Dampfer am Rhein passierte es dann. Unsere große Tochter bekam einen harten Bauch und schrie sich die Seele vom Leib. Gleich nachdem wir angelegt hatten, fuhren wir ins Krankenhaus. Ihr Kot-Problem hatte den Höhepunkt erreicht, sie stand knapp vor einem Darmverschluss und musste in Behandlung im Krankenhaus bleiben. Ich musste gleich mitbehandelt werden, denn ich hatte beinahe einen Nervenzusammenbruch. Der erhoffte Familienurlaub wandte sich in einen Horror und wir wussten, dass es so nicht weitergehen konnte.

Mein Mann suchte sich eine andere Arbeit, wo er mir zu Hause war, unsere große Maus kam zur Kinesiologin, die innerhalb von kurzer Zeit sowohl das Kot-Problem als auch das Problem, dass sie alle 14 Tage krank war, lösen konnte. die kleine Maus, die bis dahin nicht redete, kam in den Kindergarten und wurde dort von einer Sonderkindergärtnerin betreut, die uns recht bald zu einem Arzt schickte, der sich auf Feldenkrais spezialisiert hatte und der mit ihr Bewegungsabläufe nachholte, die sie in der frühen Kindheit verabsäumt hatte. Es war eine Freude zuzusehen, wie sie nun ihre Sprache entwickelte. Ich ging nur mehr zur Arbeit, wenn die Kinder im Kindergarten waren und endlich fing an, sich alles zu normalisieren. Wir wurden eine Familie, die Kinder nahmen uns endlich als Eltern an und von da an plagten wir uns nur mehr mit den typischen Problemen, die Kinder im jeweiligen Alter einfach mit sich bringen.


DIE LEIBLICHEN ELTERN


Ein wesentlicher Faktor, der es den Kindern und uns schwer gemacht hat, zusammenzuwachsen waren die leiblichen Eltern. Das erste Treffen gab es 6 Wochen nachdem die Kinder bei uns waren und die Mutter begrüßte die Kinder mit "Bald seid ihr wieder bei mir, das verspreche ich!", was die Kinder hoffen ließ und meinen Mann und mich fast um den Verstand brachte. In weiterer Folge wurde allerdings sehr schnell klar, dass diese Möglichkeit nicht gegeben sein wird, was nicht bedeutete, dass die Eltern das den Kindern nicht weiter versprachen. Sie versuchten auch tatsächlich, die Kinder wieder zurückzubekommen, schickten uns einen Psychologen auf den Hals um zu beweisen, dass C. sich vor meinem Mann fürchtet, schrieben dem Bundespräsidenten und dem Bundeskanzler Beschwerdebriefe und schalteten den Kinder- und Jugendanwalt ein. Geholfen hat dies alles nichts, weil die Eltern zu diesem Zeitpunkt nicht in der Lage waren, für die Kinder zu sorgen.

Als dies den Eltern klar wurde, brach der Kontakt für ganze fünf Jahre ab und nur nach intensiven Bemühen haben wir es im letzten Jahr geschafft, wieder Kontakt herzustellen. Nunmehr besuchen wir sie in Wien zweimal im Jahr, dazwischen gibt es Briefe zu Ostern und Weihnachten und so haben einen recht guten Kontakt aufgebaut. Dies ist umso wichtiger, weil insgesamt 4 Geschwister unserer Kinder bei der leiblichen Familie wohnen (1 weiteres lebt in Tirol bei Pflegeeltern) und wir unbedingt den Kontakt zu diesen Kindern aufrecht erhalten wollen.

Die Tatsache, dass unsere Kinder zwei Elternpaare haben zu akzeptieren, war weder für sie noch für uns und sicher auch nicht für die leiblichen Eltern einfach. Nach all den Jahren hat sich allerdings gegenseitiger Respekt eingestellt und ich denke, das ist die beste Basis. Schließlich hätten wir ohne diese beiden Menschen nie unsere Mädchen bekommen. Und dass es unsere Mädchen sind, daran hat mittlerweile niemand mehr Zweifel.


ACHT JAHRE DANACH


Mittlerweile feiern wir im nächsten Monat unser achtjähriges Familienlebenjubiläum. Alles hat sich längst eingespielt und die Kinder bringen mich immer wieder zur Verzweiflung - jetzt aber nicht mehr aufgrund der Tatsache, dass sie Pflegekinder sind, sondern aufgrund des Faktums, dass beide schon in die Vorpubertät kommen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Die acht Jahre zusammen haben jeden von uns geprägt, mich wahrscheinlich am meisten. Ich habe aufgrund meiner Kinder meine Leidenschaft für Sozialpädagogik entdeckt, habe nochmals studiert und bin nun seit über einem Jahr offiziell Diplom-Sozialpädagogin mit Schwerpunkt Recht, da ich in meinen 12 Jahren Berufserfahrung beim Rechtsanwalt doch einiges gelernt habe. In der Zeit meines Studiums haben wir selbst Krisenpflegekinder übernommen und konnten so unseren Kindern die Sicherheit geben, dass sie die zwei sind, die wirklich zu uns gehören, die ihren fixen Platz bei uns schon längst gefunden haben.

Unsere große Tochter konnte ihre anfänglichen Probleme auf tolle Weise lösen und hat heuer mit dem Gymnasium begonnen, unsere kleine Tochter lernte zu sprechen und seitdem wünschen wir uns des Öfteren, sie würde wieder für einige Minuten schweigen, mein Mann und ich haben eine Möglichkeit gefunden, sehr viel Zeit mit den Kindern zu verbringen und mittlerweile sind wir einfach ein ganz normale Familie.

Seit einem halben Jahr heißen die Kinder auch wie wir, die leiblichen Eltern haben schlussendlich zugestimmt, und eines Tages hoffen wir auch, dass wir sie adoptieren können.


ÜBRIGENS


Ein oder mehrere Pflegekinder aufzunehmen ist eine schöne und wichtige, wenn auch anstrengende, Sache, da man aus Leidenschaft und Idealismus machen muss, Geld verdienen kann man damit nicht. Die Kinder werden zwar in Österreich vom Staat mit ca. € 380,-- monatlich unterstützt, aber sie brauchen das Geld auch, man kann also sagen, dass sich die Kinder selbst erhalten, mehr aber auch nicht.



PROFESSIONELLER TEIL


SITUATION DES PFLEGEKINDES


Ein Pflegekind ist ein Kind zweier Familien, es bringt normalerweise die Einstellungen, Wertehaltungen und Gewohnheiten seiner Herkunftsfamilie mit und muss sich in der Pflegefamilie neu orientieren. Es muss sich aus bestehenden Beziehungen lösen und neue Beziehungen zu vorerst fremden Menschen eingehen. Zum Zeitpunkt der Unterbringungen erleben vor allem ältere Kinder unterschiedliche Erziehungsformen ganz bewusst und müssen diese in ihre Erlebniswelt integrieren. Oft ist es so, dass das Pflegekind Unsicherheit, Konkurrenz und Uneinigkeit der beiden Elternpaare erlebt und die unterschiedlichen Erwartungen und Wünsche spürbar sind. Das Kind muss den schwierigen Wechsel seiner gesamten Lebenswelt verkraften und realisieren, dass die einzigen Eltern, die es bis dahin kannte, nur mehr beschränkt, oft aber auch gar nicht, greifbar sind. Die Konfrontation mit Trennung, Verlust, Neuorientierung und Anpassung stellt mehr Anforderungen an die Kräfte eines Kindes, als es sonst für seine Entwicklung brauchen würde und je nach Alter und Veranlagung kann es einem Pflegekind besonders schwer fallen, mit seiner Lage zurecht zu kommen. Vor allem ein älteres Pflegekind kommt mit einem "Rucksack" in die neue Familie, in dem quasi Überlebensstrategien wie z.B. auffällige Verhaltensmuster, alte Erfahrungen mit den Eltern, Konflikte und Probleme gepackt sind und muss sich mit diesem an das Herstellen neuer Beziehungen machen.


SITUATION DER PFLEGEFAMILIE


Die Pflegefamilie übernimmt in der täglichen Erziehung die Elternrolle für das Kind, das ihnen bis dahin völlig fremd ist, noch dazu müssen sie es mit den leiblichen Eltern "teilen". Pflegeeltern müssen zwar keine pädagogische Ausbildung haben, doch sind sie in ihren persönlichen Fähigkeiten sehr gefordert, wie z.B. im erzieherischen Geschick, in Einfühlungsvermögen, Toleranz, Gesprächsfähigkeit und Konfliktlösungskompetenz. Die Kontakte zur Herkunftsfamilie sind für das Kind und seine Identität sehr wichtig und wird erwartet, dass Pflegeeltern dies unterstützen und auch den leiblichen Eltern von Beginn an Wertschätzung entgegen bringen. Oft haben Pflegefamilien auch eigene Kinder und müssen lernen, die Bedürfnisse dieser mit denen des Pflegekindes abzustimmen und integrierend zu wirken. Für viele Pflegefamilien ist vor allem die erste Zeit belastend, denn sie möchten dem Kind Sicherheit und Halt geben, während sie sich aber gleichzeitig damit auseinandersetzen müssen, den Familienzuwachs gegebenenfalls jederzeit wieder loslassen zu können.


SITUATION DER LEIBLICHEN ELTERN


Kommt ein Kind in eine Pflegefamilie, so müssen sich die leiblichen Eltern von ihrem Kind trennen. Die betroffenen Eltern werden oft deprimiert, ratlos und zutiefst verunsichert zurück gelassen. Nicht für seine Kinder sorgen zu können oder zu dürfen, erleben viele Eltern als existenzielles Versagen, auch wenn sich oft eine gewisse Erleichterung über das Eingreifen der Sozialarbeiter einstellt. Sie befinden sich in einer sehr schwierigen Lebenslage, die von individueller Überforderung, mangelnder Erziehungskompetenz, ungünstigen familiendynamischen Verflechtungen und durch die meinst noch dazu kommende wirtschaftliche Not geprägt ist. Die Rolle, Eltern ohne Kind zu sein, ist in unserer Gesellschaft eher negativ besetzt und sie müssen gegenüber der Umwelt die Inpflegegabe rechtfertigen. Um das eigene Gewissen und die Umwelt zu beruhigen, leben Herkunftseltern oft in der Vorstellung, sie könnten ihr Kind sehr bald wieder zu sich holen. Sie haben Ängste, dass sich das Kind zu stark an die neue Familie bindet und sie es verlieren, gleichzeitig fühlen sie sich als Versager und sind verletzt, wenn sie die enge Beziehung ihres Kindes zu einer Pflegefamilie erleben. So kommt es oft vor, dass sie die Pflegeeltern für die sich verändernde Eltern-Kind-Beziehung verantwortlich machen und als Konkurrenz empfinden.


BESUCHSKONTAKT


Pflegekinder haben das unangefochtene Recht, Kontakt zu ihrer Herkunftsfamilie zu halten, denn diese bleibt in der inneren Welt des Kindes präsent. Besuchskontakte können für das Pflegekind eine zusätzlich Hilfe sein, seine besondere Situation zu verarbeiten, zwei Familien zu haben. Der Abbruch von Kontakten zur Herkunftsfamilie kann beim Kind unbewusste Selbstwertprobleme, Schuldgefühle und Identitätskonflikte verstärken. Dennoch ist der Abbruch manchmal bei besonders schweren Gefährdungen und Misshandlungen in der Vergangenheit durch einen Elternteil zum Schutz des Kindes erforderlich.

Kontakte zu den Angehörigen beziehen sich nicht nur auf die Eltern. Der regelmäßige Umgang mit Geschwistern, manchmal auch mit Großeltern oder anderen vertrauten Personen des früheren Lebens stärken das Selbstwertgefühl des Kindes. Hat ein Kind mit seinen Eltern schon länger zusammen gelebt, so kann es auf neue Menschen besser Bindung übertragen, wenn es die Menschen des früheren Lebens nicht vollends verliert. Die Besuche dienen dann der Fortsetzung dieser Bindung und der Vertrautheit.

Auch wenn ein Kind keine Bindung zu seinen Eltern hatte, so können Kontakte auf das Kind beruhigend wirken, weil es erlebt, dass die Eltern es nicht vergessen haben. Kinder können anlässlich der Besuche manchmal besser einordnen, weshalb sie nicht bei ihren Eltern leben können.

Meiner Ansicht nach sind Besuchskontakte zu befürworten, denn so wird zum Beispiel die Sehnsucht nach Rückkehr zu den leiblichen Eltern nicht von fantastischen Vorstellungen genährt. Der Selbstwert eines Kindes erfährt eine Aufbesserung, vor allem eine solidarische Haltung der Pflegeeltern zur Person der Herkunftseltern entlastet das Kind und ermöglicht Selbstannahme. Außerdem wird eine Entwurzelung vermieden, indem die Wurzeln der eigenen Herkunft gepflegt werden können. Die Ungewissheit und Unklarheit ist immer schlimmer als die Realität. Außerdem ermöglicht die Kenntnis der eigenen Geschichte oft, die Geschwisterbeziehungen aufleben lassen zu können, denn Geschwister begleiten einander in der Regel länger als Eltern. Am wichtigsten ist es aber, dass, falls das Pflegekind sein Verhältnis zu den leiblichen Eltern später einmal klären oder ordnen möchte, durch einen kontinuierlichen Kontakt bessere Möglichkeiten bestehen.

Dennoch muss gesagt werden, dass Kontakte häufig nicht konfliktfrei verlaufen. Pflegeeltern sind diejenigen, die immer wieder daran arbeiten müssen, dazu bei zu tragen, dass die Atmosphäre für das Kind entspannt ist. Sie sollten lernen, sich nicht angegriffen zu fühlen und sogar respektieren, wenn die Herkunftseltern sie nicht wertschätzen. Schließlich wurden Pflegeeltern oft gegen den Willen der Eltern eingesetzt. Pflegeeltern können viel zur Deeskalation beitragen. Es ist ihre Aufgabe, sich dahingehend klar auszusprechen, in welcher adäquaten Form ein Besuchskontakt aus ihrer Sicht für das Kind stattfinden kann. Denn sie sind es, die den Alltag mit und für das Kind gestalten, sie müssen in der Lage sein, in wesentlichen erzieherischen Belangen ihr Gewicht geltend machen zu können. Verlaufene Besuche zu spannungsreich, benötigen Kinder Begleitung der Besuche durch Fachkräfte.

In jedem Fall benötigen Kinder vor und nach den Besuchen ihrer Angehörigen viel Hilfe, Beistand, Klärung und oft auch Trost durch die Pflegeeltern. Die Kontakte machen dem Kind, auch wenn sie spannungsfrei verlaufen, seine besondere Situation neu bewusst. Oft tun diese Kontakte zur Vergangenheit weh, sie sind aber auch eine Chance, das eigene Schicksal in Portionen zu verarbeiten. Die Trauer nach Besuchen ist angemessen. sie zeigt, dass das Kind seine Gefühle nicht abgespalten hat. Der Verlust der ersten Bindung ist für das Kind immer traumatisch, eine Beibehaltung der alten Bindung daher oft sinnvoll.

Wichtige Voraussetzung der Pflegeeltern für einen positiven Ablauf der Besuchskontakte sind Offenheit nach außen, Bereitschaft zur Veränderung innerhalb des Familienlebens, Toleranz und wenig Vorurteile gegenüber der Herkunftsfamilie und deren Milieu und die Fähigkeit zur Selbstreflexion.

Oft werden regelmäßige Kontakte von der Pflegefamilie als große Belastung empfunden. Sie hat Angst vor der Unruhe und den Verhaltesauffälligkeiten des Pflegekindes vor bzw. nach dem Besuchskontakt, sie fühlt Unsicherheit im Ungang mit den Kindeseltern, sie hat Angst vor dem Verlust der Liebe des Kindes bzw. der Lebensgemeinschaft mit dem Kind, sie spürt Unsicherheit der eigenen Reaktion auf Zu- oder Abwendung des Kindes zu den leiblichen Eltern.

Doch auch Herkunftseltern leiden nach oder während des Besuchs unter Ängsten, sie fühlen sich als Versager, sie befürchten, dass ihr Kind sie nicht mehr kennt, sie empfinden die Welt als ungerecht, wie sie ihrem Kind kein gutes Leben bieten können, oft geben sie sich auf und fühlen sich nicht gebraucht.

Dennoch muss immer das Wohl des Kindes im Auge behalten werden und meiner Erfahrung nach haben fehlende Besuchskontakte oder der Abbruch schon bestehender Besuchskontakte meist eine negative Auswirkung auf das Pflegekind.

Aufrechterhalten von Bindungen ist Voraussetzung für das seelische Gedeihen von Kindern. Sehr selten ist es der Fall, dass sich Pflegekinder als Erwachsene wünschen, sie hätten keinen Kontakt zur Herkunftsfamilie gehabt, in den meisten Fällen ist es so, dass sie den Pflegeeltern dankbar sind, wenn diese die Kontakte ermöglichen und zusammen mit den Herkunftseltern und dem Pflegekind eine gute gemeinsame Basis gefunden haben.


LOYALITÄTSKONFLIKT


Familienloyalität beruht auf der biologischen erblichen Verwandtschaft einerseits, aus den erworbenen Verdiensten anderseits. Die ursprüngliche Loyalität zu den biologischen Eltern bleibt bestehen, das Kind empfindet seinen biologischen Eltern gegenüber oft eine tiefe, wenn auch Konfliktbeladene und zwiespältige Hingabe.

Pflegekinder fragen sich häufig, ob sie ihre leiblichen Eltern gegen die neuen elterlichen Bezugspersonen austauschen sollen oder müssen. Sie setzen sich oft selbst unter den Zwang, sich für die eine und gegen die andere Familie zu entscheiden, weil nämlich jeder "normale" Mensch nur eine Familie hat. So wie Scheidungskinder nur dann zufrieden aufwachsen, wenn beide Elternteile das Kind darin unterstützen, den anderen Elternteil zu lieben, so benötigt das Pflegekind die Erlaubnis seiner Herkunftsfamilie, sich in der Pflegefamilie daheim zu fühlen und von der Pflegefamilie die Zustimmung, den eigenen Eltern einen angemessenen Platz im Leben einzurichten, ganz gleich, ob Kinder Kontakte zu ihrer Herkunftsfamilie haben oder nicht.

Sobald das Kind die Existenz seiner beiden Familien nicht miteinander in Einklang bringen kann, gerät es in Loyalitätskonflikte, die wiederum die häufigste Ursache für Verhaltensauffälligkeiten ist. Viele Pflegeinder fühlen sich verantwortlich für ihre Eltern und sie fühlen sich schuldig, dass sie sich in der Pflegefamilie zu Hause fühlen. Gleichzeitig ist ihnen auch gegenüber ihren Pflegeeltern unbehaglich zumute, weil ihnen die Eltern wichtig bleiben. Sie wollen die Pflegeeltern nicht kränken, es sich mit ihnen nicht verderben. Manche Kinder fürchten, die Zuwendung der Pflegeeltern zu verlieren und erklären selbst die eigenen Eltern zu Gegnern, die sie nicht mehr sehen wollen.

Viele Pflegekinder fühlen sich verpflichtet, die Gründe, warum sie von den biologischen Eltern getrennt wurden, zu verstehen. Sie haben eine Tendenz, um ihre biologischen Eltern einen Mythos zu entfalten. Oft nehmen Pflegekinder die Schuld des Verlassen- worden- seins auf sich, um so "gute, unschuldige, leibliche Eltern" in ihrem Inneren bewahren zu können. Der innere Zwiespalt zwischen Mythos und Wirklichkeit, zwischen Herkunftsfamilie und Pflegefamilie beschäftigt viele Pflegekinder oft ihr Leben lang.

Kinder können aber aus diesem Konflikt befreit werden, wenn Pflegeeltern dem Kind seine Rolle und seinen Status verdeutlichen. Dabei müssen diese Erwachsenen den Balanceakt vollbringen, dem Kind zu begründen, dass es nicht bei den Eltern leben kann, ohne ihm die Eltern schlecht zu machen und möchte ich hier ein Beispiel anführen, wie es gehen könnte: "Deine Eltern konnten wegen ihrer vielen Probleme nicht genug auf dich aufpassen. Sie hatten Anspruch darauf, dass ihnen jemand anderes dabei hilft, dich groß zu ziehen. Wir sind für deine Eltern eingesprungen. Du wirst für immer Kind deiner Eltern bleiben. Aber weil du schon so lange bei uns wohnst, hast du uns so lieb wie deine eigenen Eltern, das ist auch in Ordnung so. Du hast zwei Familien: eine, von der du kommst und eine, in der du lebst. Das ist für kein Kind leicht, mit so etwas klar zu kommen. Aber ich denke, du wirst das schaffen!"

Wenn Herkunftseltern und Pflegeeltern sich gegenseitig akzeptieren, sogar respektieren können, und den jeweils anderen Eltern einen Platz im Leben des Kindes einräumen, dann gerät das Kind nicht zwischen die Fronten und kommt mit seiner Situation sehr gut zu recht. Es ist der einzige Weg für Pflegekinder trotz ihrer schweren Situation zu reifen, wenn sie eine Ausgewogenheit, eine Balance zwischen ihren beiden Familien herstellen können.


BIOGRAFIEARBEIT


Jeder Mensch wird geprägt von seiner Herkunft, er hat Wurzeln. Diese ziehen sich durch den Lebenslauf eines jeden und ist mitbestimmend für die Entwicklung des Kindes. Der bewusste Besitz der eigenen Lebensgeschichte ist eine wichtige Voraussetzung für die Ich-Bildung eines Menschen.

Kindern, die nicht bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen, fehlen diese Wurzeln, die Vergangenheit ist für sie wie ein unvollständiges Puzzle und oft ist die Herkunftsfamilie nicht greifbar, um das Puzzle zu vervollständigen und so ist es die Aufgabe der Biografiearbeit, dieses Bild herzustellen.

Biografiearbeit ist eine Form der Zusammenarbeit zwischen Kindern und Erwachsenen, die zur Persönlichkeitsbildung der Kinder und gegebenenfalls ihrer Korrektur beitragen soll.

Auch wenn ich davon überzeugt bin, dass Biografiearbeit Pflegekindern helfen kann, ihre besondere Lebenssituation positiv zu bewältigen, so stellt sich im nächsten Schritt schnell die Frage: was benötigen Eltern, um mit ihren Pflegekindern biografisch zu arbeiten? Denn abgesehen von dem Grundwissen und dem methodischen Knowhow, brauchen Pflegekinder dazu die Bereitschaft, sich auf einen Prozess einzulassen, der sie auch emotional fordern wird. Sie müssen sich nicht nur selbst mit der - manchmal belastenden - Geschichte der Pflegekinder auseinander setzen, sondern müssen auch das Interesse ihrer Pflegekinder an der eigenen Familie und Geschichte "aushalten" und begleiten können und sich möglichen Fragen stellen, die sie selbst nicht beantworten können. Das ist nicht immer leicht und löst nicht selten Angst aus, sie könnten die Kinder emotional ein Stück verlieren. Meiner Erfahrung nach macht es den Kindern allerdings Spaß, mit den Pflegeeltern gemeinsam die Vergangenheit zu erforschen und man wächst noch mehr zusammen. Die Pflegekinder sehen das Interesse an ihrer Person und an ihrer Vergangenheit und können sie so als einen Teil ihrer Person leichter akzeptieren.

Pflegeeltern sollen ihr Kind dabei unterstützen, wichtig ist aber, dass das Tempo vom Kind bestimmt wird und dass dessen Kreativität freien Lauf gelassen wird. Biografiearbeit kann zum Beispiel mit Briefen, Fotos oder Reisen an Orte, die im Lebenslauf des Kindes eine Rolle spielen, geleistet werden. Hierzu möchte ich erwähnen, dass es schon zum Zeitpunkt der Herausnahme wichtig ist, dass die Kinder Gegenstände wie Puppen, Kuscheltiere oder Fotos mitnehmen dürfen und diese auch in das neue Leben integrieren können. Mein Tipp für Pflegeeltern ist, bei den Besuchskontakten Fotos von der ganzen Familie zu machen und soviel wie möglich an Informationen zu sammeln, damit sie es später an die Pflegekinder weitergeben können, dies ist vor allem dann wichtig, wenn der Kontakt zu der Herkunftsfamilie mit der Zeit verebbt.

Für die Entwicklung der Kinder ist es wichtig, über sich selbst und ihre Herkunft Bescheid zu wissen. Denn Wurzeln gehören zum Leben dazu und dürfen nicht vergessen werden.


FAZIT


Dies ist bestimmt der wichtigste Erfahrungsbericht, den ich je geschrieben habe. Ihr habt mich dadurch sehr gut kennen gelernt und wisst jetzt mehr von mir als viele Leute, die glauben, mich zu kennen.