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Geschrieben von Irina am 31.10.2008 um 20:05:

  Der letzte Kinderarzt von Chorweiler

Der letzte Kinderarzt von Chorweiler

Kinder armer Eltern sind häufiger krank, aber medizinisch schlechter versorgt. Und immer mehr Ärzte wandern in ertragreichere Stadtteile ab. Die persönliche Geschichte eines Arztes, der bleibt. Detlev Geiß über seine Arbeit und Umstände, die seine Arbeit erschweren.


Köln - Richtig schön, so ein Sonnenaufgang über Chorweiler. Hoch oben über dem Einkaufszentrum, in der sechsten Etage eines der Häuser in der Florenzer Straße, die so typisch für die Trabantenstadt im Norden Kölns sind, blickt man vor allem auf eines: viel mehr Grünflächen ringsherum als man pauschal von Chorweiler erwartet.

Dr. Detlev Geiß weist Besucher gerne als erstes darauf hin. „Alle sehen immer nur die Hochhäuser. Das stinkt mir.“ Manchmal sieht der 60-Jährige jedoch kein Grün, sondern Rot - vor Wut über manche Vorgaben innerhalb der deutschen Gesundheitspolitik. Detlev Geiß ist der letzte Kinder- und Jugendarzt in Chorweiler.

Der Mediziner hatte schon immer viel zu tun - im Quartal zählt er 2000 Kinder und Jugendliche als Patienten - und mit seinen Urlaubszeiten sprach er sich früher mit dem benachbarten Kinderarzt ab. Doch seit Juni ist der Kollege weg, er sei „wegen der schlechten Ertragslage“ hier nach Longerich gezogen - und im Anmeldezimmer von Dr. Geiß prangt ein mehrsprachiger Zettel, der sich wie ein Hilferuf liest: „Wir weisen darauf hin, dass unsere Praxis wegen Überfüllung keine Patienten aus anderen Praxen übernehmen kann.“

Wer die Praxis betritt, die sich Geiß mit zwei weiteren Kolleginnen teilt, muss früh aufstehen. Spätestens um zehn Uhr sind alle Termine weg. Ab etwa 11 Uhr („Dann wird Chorweiler wach.“) geht nur noch der Anrufbeantworter ran, für Notfälle gilt eine Extra-Nummer. „Wir sind nach aktueller Rechtsprechung streng angehalten, nicht mehr Patienten anzunehmen als wir bewältigen können“, steht auf einem weiteren Aushang. Trotzdem steht plötzlich eine halbe Schulklasse auf der Matte. Verdacht auf Läuse.

Immer mehr Kollegen wandern ab, „weil alles andere als Berufsanfänger mit Kredit wirtschaftlicher Leichtsinn wäre“ - doch der Vater dreier leiblicher Kinder und zweier Pflegekinder bleibt. „Was sollte ich denn in Lindenthal?“, fragt er trotzig. Die Patienten, die zu Geiß kommen, sind dankbar und auf kostenfreie Zusatzangebote von Wohlfahrtsverbänden und anderen freien Trägern und Vereinen angewiesen.

So zählt der Kinder- und Jugendarzt wie selbstverständlich zu den Gründungsmitgliedern des Vereins „Kindernöte e.V.“ Hier finden Kinder und Jugendliche kostenlos Beratung und - wenn nötig - Therapie. Der Verein gewährleistet die Arbeit zusammen mit sozialen Diensten, Jugendamt, Ärzten, Kindertageseinrichtungen, Schulen, Schulpsychologischen Dienst, Gemeinden und Suchtberatungsstellen gewährleistet. Aber er ist von Spenden abhängig.

Geiß begrüßt es, dass unter den Vorsorge-Untersuchungen für Kleinkinder nun auch eine für Dreijährige vorgeschrieben ist. Gleichzeitig spürt er die Last, die Gesetzgeber damit auf den Schultern der Ärzte abgeladen haben. „Ich weiß nicht, was sich die Politik davon verspricht. Wir sehen die Kinder jetzt ganz genau ein Mal mehr.“

Der letzte öffentlich gewordene Fall von Kindesmisshandlung in Chorweiler passierte 2006 - exakt zwei Tage nach „einer sehr harmonisch verlaufenen Vorsorgeuntersuchung“ und Geiß war der untersuchende Arzt. Er betreute die Mutter schon, als diese selbst noch ein Kind war. „Aber den Vater, der das Kind misshandelt hat, hab ich nie zu Gesicht bekommen.“ Das Kind erlitt ein schweres Schütteltrauma. Das kleine Mädchen war zum Zeitpunkt der Tat fünf Wochen alt.

Schwieriger als die medizinische Versorgung ist für Geiß die Diagnostik. Im Fünf-Minuten-Takt, in dem er zwischen Behandlungsraum 1 und Labor hin- und herpendelt, muss der Mediziner auch sein Sprachzentrum umschalten. Eben machte er sich noch mit ein paar Brocken Türkisch verständlich, die er inzwischen beherrscht, um etwa „Mund auf“ zu sagen. Dann spricht er plötzlich Französisch, als es zur Drei-Jahres-Untersuchung einer dreijährigen Dunkelhäutigen geht. Aber auch in seiner Muttersprache antwortet das Kind nicht. „So die Sprachentwicklung zu beurteilen, ist natürlich schwierig.“

Erst das legendäre Kinderarzt-Fruchtgummi - für muslimische Patienten auch ohne Gelatine - zaubert ein Lächeln auf das Gesicht des Mädchens. „Die werden in den Büdchen in der Umgebung schon unter meinem Namen verkauft“, witzelt Geiß. Er weiß, dass seine Fremdsprachen immer öfter nicht mehr ausreichen. „Allein Afghanistan hat vier Hauptsprachen.“ Auch die russischsprachige Gemeinde wächst. „Doch manchmal habe ich auch das besondere Vergnügen, mich mit Kindern auf Deutsch zu unterhalten“, kommentiert er ironisch den Besuch des nächsten Mädchens, das bestens die hiesige Landessprache spricht.

Was den 60-Jährigen wirklich behindert, sind etwa Gesetze, die besagen, dass seit vier Jahren auch Kinder ab zwölf Jahren rezeptfreie Medikamente selbst zahlen müssen, wenn nicht eine Entwicklungsstörung bescheinigt wird. Ob Mittel gegen Fieber, Schmerzen, Husten oder Allergiebeschwerden - Geiß ist machtlos. „Das ist ein echter Griff in die Taschen der Familien, die ohnehin nicht viel haben, und alles andere als familienfreundlich.“

Begründet worden sei die Gesetzesänderung damit, dass Erwachsene sich im Namen ihrer Kinder Mittel hätten verschreiben lassen können. „Das ist doch eine Ungeheuerlichkeit“, regt sich Geiss heute noch darüber auf, „eine gesamte Bevölkerungsschicht generell des Betrugs zu verdächtigen“. Einer seiner Patienten, 17 Jahre alt, brauche im Quartal aufgrund einer hartnäckigen Hautkrankheit Medikamente im Wert von 5000 Euro. Aber auch für die Behandlung älterer Geschwister von Kindern mit Läusen etwa gebe es nichts mehr billiger.

Ebenso ärgern ihn teure Fertig-Elektrolyt-Mischungen in Apotheken, zu verabreichen bei Durchfall, Erbrechen oder Übelkeit. „Da ist nicht viel mehr drin als Traubenzucker und Kochsalz, was viele selbst zu Hause haben. Das Geld kann man wirklich sparen - etwa für eine Logopädie-Sprechstunde für das Kind.“ Viele Kleinkinder litten bereits im frühen Jahren unter Entwicklungsverzögerungen.

„Wir sind nur die Treuhänder des Geldes anderer Leute“, formuliert der Kinderarzt seinen Anspruch. Aber Kinderarmut sei nicht nur ein finanzielles Problem, sagt Geiß. „Sie ist ein Problem der sozialen Verelendung und Verwahrlosung ganzer Schichten unserer Bevölkerung.“ Er will in Chorweiler bleiben und gegen die Ursachen kämpfen. Bis auch er geht. Wenn sein Ruhestand naht.

Quelle: http://www.ksta.de/html/artikel/1218660774732.shtml



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